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Was Menschen mit Behinderung auf den Nägeln brennt

21.03.2016 | Von Annette Scherer und Sarah Benkißer | Die Zieglerschen

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Wo Jugendliche mit Problemen beim Hören oder Sprechen Verbesserungsbedarf sehen, erfuhr Torsten Hopperdietzel (vorne, Mitte) im Hör-Sprachzentrum der Zieglerschen in Wilhelmsdorf. / Foto: Die Zieglerschen

Torsten Hopperdietzel, kommunaler Behindertenbeauftragter des Landkreises Ravensburg, hat das Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf und die NEULAND-Werkstatt Aulendorf der Zieglerschen besucht und sich über die Belange der Schüler und Mitarbeiter mit Behinderung informiert.

„Hallo, ich bin der Torsten. Und wer bist du?“ Torsten Hopperdietzel wendet sich in der Gesprächsrunde im Hör-Sprachzentrum der Zieglerschen in Wilhelmsdorf gleich direkt an die junge Dame zu seiner Linken. Der neue kommunale Behindertenbeauftragte für den Landkreis Ravensburg, der selber seit 12 Jahren blind ist, hat die Schüler besucht, um sich über ihre Situation und ihre Bedarfe zu informieren. „Ich will Jugendlichen und Kindern zuhören, was läuft und was wir besser machen können“, erklärt er. Begleitet wurde er von seinem persönlichen Assistenten und von Dieter Steuer, dem Vorsitzenden des Gehörlosenvereins Ravensburg.

Viele der Schülerinnen und Schüler im Hör-Sprachzentrum der Zieglerschen tragen ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, die ihnen nach intensivem Training ein Hören und auch ein Sprechen ermöglicht. Doch auch sie wünschen sich mehr Barrierefreiheit für Menschen mit Hör-Sprachbehinderung - etwa durch Untertitel in Kinos oder visuelle Signale im öffentlichen Personennahverkehr, wenn sich beispielsweise ein Zug verspätet. In manchen Situationen wünschten einige Schüler die Unterstützung durch DGS-Dolmetscher, das sind Dolmetscher, die in die deutsche Gebärdensprache übersetzen. Die seien aktuell nur sehr schwer zu finden. „Ich finde es toll, dass Herr Hopperdietzel zu uns an die Schule gekommen ist, sich mit unseren Schülern ausgetauscht hat und sich für ihre Interessen und Bedürfnisse einsetzen will“, erklärt Jochen Hallanzy, Leiter des Hör-Sprachzentrums Wilhelmsdorf.

Auf der Suche nach den Themen, die den Menschen mit Behinderung im Landkreis Ravensburg auf den Nägeln brennen, machte der Kreisbehindertenbeauftragte Torsten Hopperdietzel auch Station in der NEULAND-Werkstatt der Zieglerschen in Aulendorf. Mit großem Interesse ließ sich Hopperdietzel, der vor seiner Erblindung selbst in der Metallbearbeitung tätig war, von den Werkstatträten Martin Bauer und Walter Muhlke durch die einzelnen Produktionsabteilungen führen. Dabei kam es immer wieder zu amüsanten kleinen Verständigungsbarrieren zwischen dem blinden Torsten Hopperdietzel und den Werkstattmitarbeitern mit geistiger und Hör-Sprachbehinderung, die alle Beteiligten mit viel Humor nahmen. Die Ansage eines Mitarbeiters "Jetzt mach ich's nochmal langsam, dass Sie's auch sehen" quittierte Hopperdietzel mit einem trockenen "Ha, ich seh doch nix, du musst mir das Ding schon in die Hand geben." Als eine gehörlose Mitarbeiterin ihm dann ihren Arbeitsbereich mithilfe von Gebärden erklären will, springen kurzerhand Ulrike Graf, zuständig für die Ambulanten Dienste am Standort Aulendorf, und Gruppenleiter Steffen Hehr als Übersetzer ein.

In der anschließenden Diskussionsrunde mit vier Werkstattmitarbeitern wird es dann politisch. "Wo sind für euch in punkto Teilhabe die Baustellen?", will Torsten Hopperdietzel wissen - und bekommt gleich eine ganze Liste von Themen mit auf den Weg: Das große Problem, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Fehlende Bilder und Symbole an Bahnhöfen für Analphabeten. Fehlende Busverbindungen, um eigenständig in die Stadt zu kommen. Und dann die kritische Frage nach den Bemessungsgrenzen für das Persönliche Budget sowie nach qualifizierten Assistenten oder Ehrenamtlichen als Begleiter für Menschen mit Behinderung. Einer der Mitarbeiter, der im Rollstuhl sitzt, berichtet, er brauche, um Eis essen zu gehen, immer ein Rollstuhltaxi und einen Assistenten. "Am Ende han i zwei Kugle Eis im Ranze und muss no dreißig Euro zahle", beklagt er. Torsten Hopperdietzel nimmt die Themen mit großem Ernst auf und ermutigt die Mitarbeiter, auch in Zukunft auf ihn zuzugehen. "Als Behindertenbeauftragter brauche ich euch", bekräftigt er. "Nur wenn ihr zu mir kommt und sagt: 'Da haben wir ein Problem, Torsten, kümmer dich drum', dann kann ich aktiv werden."

Monika Haas (l.) erklärt Torsten Hopperdietzel (2. von rechts) mithilfe von Gebärden ihren Arbeitsbereiche in der NEULAND-Werkstatt. Gruppenleiter Steffen Hehr (3. Von rechts) übersetzt. / Foto: Die Zieglerschen

Der Behindertenbeauftragte des Landkreises Ravensburg, Torsten Hopperdietzel (Mitte), hat sich die Arbeit in der innovativen, inklusiven NEULAND-Werkstatt bei einem Besuch genau erklären lassen. / Foto: Sarah Benkißer (Die Zieglerschen)    
Bilderstrecke: Torsten Hopperdietzel im Gespräch (3 Bilder).

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visAvie 02-2016
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