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Wohnungsnot beschränkt selbstständiges Leben für Menschen mit Behinderung

07.03.2016 | Von Sarah Benkißer | Behindertenhilfe

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Martina Knebel und Fabienne Schnurr (linkes Bild/ Foto: Sabine Kunzer) sind Ansprechpartnerinnen für Menschen mit Behinderung im Bodenseekreis, Ulrike Graf (rechtes Bild/ Foto: Katharina Stohr) leitet die Ambulanten Dienste der Zieglerschen an den Standorten Ravensburg und Aulendorf.

Ambulante Dienste bieten Menschen mit Behinderung Unterstützung im Alltag. Verschiedene Träger in der Region bieten Beratungs- und Unterstützungsleistungen an, mit deren Hilfe Menschen mit Handicap im Sinne des Inklusionsgedankens möglichst selbstständig und selbstbestimmt leben können. Das Büro der Zieglerschen in Ravensburg, das neuerdings auch den Standort Aulendorf mit betreut, leitet Ulrike Graf. Ihre Kolleginnen Fabienne Schnurr und Martina Knebel sind in Friedrichshafen-Kluftern Ansprechpartnerinnen für Menschen mit Behinderung. Ihre größte Herausforderung: die Wohnungsnot im Schussental und im Bodenseekreis.

Eigentlich müssten sie der Traum jedes Vermieters sein: Die Miete kommt pünktlich jeden Monat – in der Regel vom Amt. Mehrmals die Woche kommt jemand vorbei, der individuelle Unterstützung anbietet und bei Problemen vermitteln kann. Und doch scheint es schier unmöglich, Wohnungen oder WG-Zimmer für Menschen mit Behinderung zu finden, die selbstständig leben möchten und das mit Unterstützung der Ambulanten Dienste auch könnten. "Vor allem in Ravensburg und Weingarten haben Menschen mit Behinderung kaum eine Chance, eine Wohnung zu finden", erklärt Ulrike Graf, die – gefördert von Aktion Mensch – seit November 2015 das Büro der Ambulanten Dienste der Zieglerschen in der Charlottenstraße leitet. Seit Kurzem betreut sie außerdem den neuen Standort Aulendorf. "Hier haben wir noch nicht allzu viele Erfahrungen. Unser Angebot in Aulendorf wurde erst im November eröffnet und befindet sich noch im Aufbau. Es zeichnet sich aber ab, dass es auch hier nicht einfach wird", so die 26-jährige Sozialpädagogin. Ihre Kollegin Fabienne Schnurr bestätigt die Problematik auch für den Bodenseekreis: "Zurzeit suchen wir mit Klienten vergeblich Wohnungen in Markdorf und Salem", erzählt sie. Die 2009 verabschiedete UN-Behindertenrechtskonvention fordert in Artikel 19, „dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben.“

Eine Hoffnung für den Standort Ravensburg könnte nun das "Bündnis für bezahlbaren Wohnraum" sein, das aus der Vesperkirche 2015 hervorgegangen war. Auf dieses verwies kürzlich auch Stadtrat Manne Lucha bei einer Podiumsdiskussion in Leichter Sprache zur Landtagswahl vor rund 100 Menschen mit Behinderung und Vertretern der Träger der Eingliederungshilfe im Ravensburger Schwörsaal. "Kommen Sie zu uns", forderte er die Anbieter ambulanter Dienste für Menschen mit Behinderung auf. "Es gibt Wohnungen. Sie brauchen einfach nur den Zugang zu den entsprechenden Netzwerken." Ulrike Graf bewertet das Angebot etwas zwiegespalten: "Das ist eine gute Nachricht, dass das Bündnis sich als Partner für Menschen mit Behinderung stark machen möchte. Aber natürlich ist momentan die Unterbringung von Flüchtlingsfamilien eine wichtige und dringliche Aufgabe." Außerdem seien ja auch noch andere Zielgruppen von der Wohnungsnot betroffen, z.B. Alleinerziehende oder kinderreiche Familien. Ulrike Graf zeigt sich dennoch zuversichtlich: "Ich denke, dass eine Lösung in Kooperation mit den anderen Trägern in der Region gelingen kann. Kollegin Fabienne Schnurr ergänzt: "Wichtig ist, überhaupt erst mal ein öffentliches Bewusstsein für das Problem zu schaffen."

Die Ambulanten Dienste der Zieglerschen bieten Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen in den drei Landkreisen Ravensburg, Sigmaringen und im Bodenseekreis vielfältige Beratungs-, Unterstützungs- und Freizeitangebote. In den Büros in Ravensburg, Aulendorf, Friedrichshafen-Kluftern, Bad Saulgau und Wilhelmsdorf gibt es Beratung zum Persönlichen Budget, zum Familienunterstützenden Dienst, zu Freizeit- und Reiseangeboten sowie zum Betreuten Wohnen in Familien und zum Ambulant Betreuten Wohnen. Im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens werden Menschen mit Behinderung entsprechend ihrem persönlichen Bedarf in ihrem häuslichen Umfeld begleitet und unterstützt, mit dem Ziel ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

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visAvie 02-2016
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