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Dezentralisierung ist kein Allheilmittel

02.11.2015 | Von Sarah Benkißer | Behindertenhilfe

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Auf dem Podium wurde intensiv über Inklusion diskutiert (v.l.n.r.): Sozialdezernentin Diana E. Raedler, Bürgermeister Volker Restle, Mitarbeitervertreter Torsten Huß, Moderatorin Karin Kießling, Bewohnerbeirätin Gisela Eberl, Angehörigenvertreter Klaus Bockstahler, Geschäftsführer Uwe Fischer, Prof. Jo Jerg, Schulleiter Bernd Eisenhardt und Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Harald Rau. / Foto: Die Zieglerschen

Vor rund 100 Interessierten diskutierten Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige mit Vertretern aus Politik, Hochschule und Unternehmensleitung der Zieglerschen in der Haslachmühle über die Rolle von Komplexstandorten in Zeiten der Inklusion.

"Lassen Sie uns gemeinsam dafür eintreten, dass hier weiter Entwicklung stattfinden kann und Lebensqualität möglich ist", mit dieser Aufforderung wandte sich Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, zu Beginn der Veranstaltung an die Politik. Zuvor hatten Schüler der Haslachmühle in einem eindrücklichen Film ihren Alltag auf der "Inklusionsbaustelle" - wie sie es nannten - vorgestellt: von einem Besuch in Wilhelmsdorf bis hin zum selbstständigen morgentlichen Brötchen-Holen in der Haslachmühle.

Das Schlüsselwort des Abends prägte Jo Jerg, Professor für Inklusive Soziale Arbeit und Pädagogik der frühen Kindheit sowie "Enthinderungsbeauftragter" an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg: "Innehalten". Der Inklusionsexperte, der viele Dezentralisierungs- und Inklusionsprozesse in Deutschland begleitet hat, ermahnte alle Beteiligten, in der Inklusionsdebatte nichts zu überstürzen. Es sei entscheidend, immer im Einzelfall genau hinzuschauen, was ein Mensch mit Behinderung wirklich wolle und brauche. "Ich kenne Träger, die haben dezentralisiert. Aber in den kleinen Gruppen haben sie jetzt so wenig Personal, dass am Wochenende keiner vor die Tür kann," berichtete Prof. Jerg. Angehörigenvertreter Klaus Bockstahler griff diesen Impuls auf und schilderte die aktuelle Situation vieler Eltern von Kindern mit Behinderung am Beispiel seines eigenen Sohnes: "Unser Kind kann sich in der Haslachmühle viel freier bewegen als er das in unserer Heimatgemeinde je könnte. Dass durch die Dezentralisierung hier jetzt keine Wohnplätze mehr frei sein werden, sobald er die Schule verlässt, hängt wie ein Damoklesschwert über uns," so Klaus Bockstahler besorgt.

Der Landkreis Ravensburg ist der Landkreis mit den meisten Komplexstandorten überhaupt. Diana E. Raedler, Dezernentin für Arbeit und Soziales, verwies auf die Zielvereinbarungen, die man mit den verschiedenen Trägern der Behindertenhilfe geschlossen habe. Diese regelten, wie viele Plätze aus  den Komplexeinrichtungen in den kommenden Jahren an dezentrale Standorte zu verlagern seien. Den Abbau bezeichnete Raedler als "verträglich" und bekräftigte: "Ich glaube nicht, dass Dezentralisierung das Allheilmittel für mehr Inklusion ist. Ich denke, dass es viele Menschen gibt, die an einem Komplexstandort sehr glücklich sind." Mit dem Vorwurf konfrontiert, der Landkreis wolle durch die Zielvereinbarungen vor allem dafür sorgen, dass keine Menschen aus anderen Regionen in den Landkreis Ravensburg kämen, wehrte sich Raedler: "Es ist mir zu wenig, wenn Menschen in Berlin erst in den Landkreis Ravenburg kommen müssen um ein passendes Angebot zu finden." Zieglersche-Vorstand Harald Rau konterte: "Wir sollten stolz darauf sein, dass wir hier so gute Arbeit machen, dass die Menschen zu uns kommen. Damit bringen wir Geld in den Landkreis Ravensburg."

Ravensburg ist einer von vier Modell-Landkreisen in Baden-Württemberg für die sogenannten "Inklusionskonferenzen". Diese sollen Personen und Institutionen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport an einen Tisch holen, um die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben zu verbessern. "Die Inklusionskonferenzen sind eine gute Möglichkeit, Inklusion als gesamtgesellschaftliches Thema einzubringen", so Sozialdezernentin Raedler. Denn, da waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig: Inklusion beginnt in den Köpfen.

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