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17.12.2010

Wie im richtigen Leben

Kinder- u. Jugenddorf Siloah wird zur Spielstadt


Auch ein florierender Wirtschaftsstandort wie die Siloah-Spielstadt benötigt ein Oberhaupt: mit dem Stimmzettel zur Siloah-Bürgermeisterwahl und vielen Kandidaten dazu wird’s möglich. Foto: Katharina Stohr

Hoch konzentriert piekst Rudi* blaue Schafwolle mit der Filznadel in eine Styroporkugel. „Die Kugel wird nachher im Laden verkauft", erklärt der 12jährige Schüler des Isnyer Standorts der Jugendhilfe der Zieglerschen. Fünf Siloahner erhält Rudi für eine halbe Stunde Arbeit, einen davon muss er dem Finanzamt als Lohnsteuer abdrücken. Ob er den Nettolohn nach der Maloche in der Pizzeria, in der Cafeteria oder in der Karibikbar ausgibt, dort wo die anderen Schulkameraden arbeiten, weiß er noch nicht. Eines steht jedenfalls fest: „Die Arbeit finde ich voll cool, wir bekommen Geld und können uns davon etwas kaufen."

Ausgeklügeltes System sorgt für Vollbeschäftigung

Für Unterricht und Hausaufgaben war im Ev. Kinder- und Jugenddorf Siloah drei Tage lang keine Zeit. Stattdessen verwandelte sich die Schule für Erziehungshilfe in eine alljährlich stattfindende Spielstadt, die reale Lebensbedingungen aufzeigt: „Ich muss arbeiten und Leistung bringen, um mir etwas kaufen zu können", beschreibt Harald Nusser, stellvertretender Schulleiter das Konzept. Zu tun gibt es für die 51 Schüler in den 21 Spielstadtfirmen genug, vom Verkäufer über den Friseur bis zum Zeitungsredakteur ist alles dabei. Und dann gibt's noch die Behörden, ohne die auch in einer Spielstadt nichts läuft.

„Hallo, ich bin vom Arbeitsamt und muss gucken, wer anwesend ist", sagt ein Schüler, als er die Filzwerkstatt betritt. Ein speziell für die Spielstadt ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass jeder Schüler beschäftigt ist und möglichst in dem Arbeitsbereich tätig wird, der ihm entspricht. Die Chefs der Firmen, allesamt Lehrer oder Mitarbeiter aus dem Heimbereich, tragen die jeweils geleisteten Stunden und den Lohn in den Siloahschen Bürgerpass der einzelnen Schüler ein. Diese marschieren damit zum Finanzamt, erhalten einen Stempel und erst dann geht's auf die Bank, die die Netto-Siloahner ausbezahlt. Drückeberger haben hier schlechte Karten: „Wer nicht arbeitet, bekommt auch kein Geld", sagt Lehrerin Sylvia Teichmann, die das Arbeitsamt leitet.


Mehr Lohn für die Beschäftigten in der Spielstadt


Ein paar Zimmer weiter sitzt Landrat Jonathan Hörster, der im richtigen Leben Geschäftsführer der Jugendhilfe der Zieglerschen ist. Für einen florierenden Wirtschaftsstandort wie die Siloah-Spielstadt sei unbedingt ein Bürgermeister nötig, befanden er und das Kollegium im Vorfeld. Und so prüft der Landrat die zwölf Bürgermeister-Kandidaten im persönlichen Bewerbungsgespräch auf Herz und Nieren. Was denn ihr Plan für Siloah sei, fragt er jene Schülerin, die ein paar Stunden später in der Bürgermeister-Wahl das Rennen macht: „Mehr Lohn für die Beschäftigten, günstigere Einkaufspreise im Laden und längere Öffnungszeiten" antwortet die 14jährige wie aus der Pistole geschossen.

Die Schüler für das spätere Leben vorzubereiten, indem sie verschiedene Arbeitsbereiche und Bedingungen der Arbeitswelt kennen lernen, ist einer der pädagogischen Ansätze der Spielstadt. Für Harald Nusser zählt ein Merkmal jedoch ganz besonders: „Die Schüler erleben sich in der Spielstadt anders als in der Schule und auch wir Erwachsene erleben die Kinder und Jugendlichen mit anderen Stärken als sonst". Dies ergebe eine bereichernde Form des Miteinanders, die er auch in der zweitägigen Teilnahme von Schülern und einer Lehrerin aus der Eduard-Schlegel-Schule sieht.

* Name geändert

Katharina Stohr

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