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18.10.2010

Jugendhilfe feiert 100. Geburtstag

Evangelischer Waisenhausverein e.V. schaut auf bewegtes Jahrhundert zurück


Feierten 100 Jahre Siloah: Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, Historikerin Inga Bing-von-Häfen, Dr. Dagmar Hoehne, Vorstand Ev. Waisenhausverein Siloah e.V., Angela Pohlmann, Psychologin der Zieglerschen Jugendhilfe, Rolf Baumann, Kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen, Christian Glage, Fachlicher Geschäftsführer der Zieglerschen Jugendhilfe, Michael Mitt, Vorstand Ev. Waisenhausverein Siloah e.V., Jonathan Hörster, Kaufmännischer Geschäftsführer der Zieglerschen Jugendhilfe, Bürgermeister Rainer Magenreuter, Vorstand Ev. Waisenhausverein Siloah e.V. (von links). Foto: Katharina Stohr

100 Jahre Geschichte hat der Evangelische Waisenhausverein Siloah e.V. in Isny gefeiert. Mit festlichem Gottesdienst in der Nikolaikirche und anschließendem Festakt im Kinder- und Jugenddorf Siloah, einem der beiden Standorte der Jugendhilfe der Zieglerschen, tauchten die rund 100 Festgäste in die Vergangenheit, aber auch in die Zukunft ein.

Spannende Festschrift

„Liest sich wie ein Krimi", kommentierte Rolf Baumann, Kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen, die 172 Seiten umfassende Festschrift, die die Historikerin Inga Bing-von-Häfen eigens für dieses Jubiläum erschuf. Anschaulich und fesselnd ist darin der „atemberaubende Weg", wie Prälatin Gabriele Wulz den Wandel der heutigen Jugendhilfeeinrichtung in den vergangenen 100 Jahren in ihrer Predigt bezeichnete, beschrieben.

Was heute als Kinder- und Jugenddorf mit Schule für Erziehungshilfe unter saftig grünem Wiesenhang im Allgäu angesiedelt ist, begann vor 100 Jahren auf landwirtschaftlich rauem Land als Waisenhaus in Neu-Pasua, einer donauschwäbischen Siedlung bei Belgrad. Überschwemmungen, oftmaliges Scheitern, wiederholter Neubeginn und nie versiegende Hoffnung begleiteten den Verein in dieser Zeitspanne kontinuierlich, gipfelnd in zwei Weltkriegen und der damit verbundenen Flucht im Jahr 1944 nach Deutschland. Vorübergehend in Oberfranken Heimat findend, siedelte sich die damalige Waisenhausfamilie im Jahr 1951 in Eglofstal an und fand ab 1965 ihr heutiges Zuhause in Isny. Seit November 2009 gehört Siloah zur Jugendhilfe der Zieglerschen.

Aus der Vergangenheit lernen

Dass dieser Weg den Festgästen Respekt und Anerkennung abnötige, betonte nicht nur Gabriele Wulz in ihrer Predigt. „Mich hat die Intensität, mit der damals gearbeitet worden ist und mit der die Hauseltern und einzelne Personen lange Jahre ihre gesamte Kraft in das Gelingen dieses Projektes und in das Zusammensein dieser Familie hinein gesteckt haben, bei der Arbeit mit der Festschrift am meisten berührt und beeindruckt", sagte Inga Bing-von Häfen. Die Zukunft sei für sie als Historikerin zwar nicht so ihr Ding, sagte sie lachend, „aber ich denke, wenn weiterhin mit soviel Herzblut an dieser Sache gearbeitet wird und die beteiligten Personen mit Herzblut an einem Strang ziehen, steht einer guten Zukunft von Siloah nichts im Wege."

Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, knüpfte an die Rede von Rolf Baumann an: „Vielleicht ist die Geschichte von Siloah ein Krimi mit offenem Ausgang." Ihm helfe die Festschrift bei der Orientierung: „Das Buch macht klar: Wo stehen wir, wo kommen wir her?" Zur Missbrauchsdebatte im Allgemeinen bekundete er: „Wir stellen uns der Vergangenheit und unser Bestreben ist, aus der Vergangenheit zu lernen, wie wir die Zukunft gestalten."

Siloah wird sich verändern

100 Jahre Siloah heiße nicht nur Rückschau zu halten, sondern aus dem Gewesenen Schlüsse zu ziehen, sagte Pfarrer Michael Mitt, Vorstand des Waisenhausvereins Siloah e.V. „Die Geschichte des Vereins ist ein Spiegel der Geschichte der Pädagogik". Auch sei es ein Teil der Geschichte des Vereins, „Betroffene um Vergebung zu bitten."

Christian Glage, Fachlicher Geschäftsführer der Jugendhilfe, informierte die Gäste über den anstehenden Strukturwandel im Kinder- und Jugenddorf, in welchem derzeit 53 Schüler in sechs Wohngruppenhäusern leben und die staatlich anerkannte Sonderschule auf dem Gelände besuchen, manche davon auch Regelschulen in Isny. „Siloah steht mitten in dem wohl umfassendsten Veränderungsprozess seiner Geschichte", fasste er zusammen. Ein wichtiger Punkt sei dabei die Themenstellung bei Mitarbeiter-Schulungen, die auf immer herausfordernder werdende Kinder ausgelegt sei: „Mitarbeiter müssen verstehen, wie die Kinder geworden sind."

Neuen Anfang schenken lassen

Siloah, der Fluss in Jerusalem, sei ein kleines Rinnsal, das niemals austrockne und sich nicht unterkriegen lasse, sagte Gabriele Wulz. Lange habe sie sich für die Festpredigt überlegt, welches Wort der Schrift über Siloah stehen könne. Schließlich sei sie auf die Bergpredigt im Matthäus-Evangelium gestoßen, auf jenen Abschnitt, der uns das Handeln vorgebe: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen", wie Jesus sagte. „An der Frucht erkennt man den Baum, nicht an den Plänen, Konzeptionen oder Absichten", sagte Wulz. Es sei gut, dass nicht wir diejenigen sind, die richten, sondern dass Gott selbst einen neuen Anfang schenke. „Selbst nach 100 Jahren Dornen und Gestrüpp kann wieder ein Obstgarten entstehen."

Katharina Stohr

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