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13.10.2009

Sexuell übergriffige Jugendliche

Fachveranstaltung im Martinshaus Kleintobel: Not jugendlicher Opfer und Täter wahrnehmen und präventiv unterstützen


Stehen gemeinsam und vernetzt zum Thema "sexuell übergriffige Jugendliche": Konrad Gutemann, Jugendamt Ravensburg, Cora Bures und Ursula Mähne vom Verein Brennessel e.V., Bernd Siepmann, Beratungsstelle "Neue Wege" und Christian Glage, Martinshaus Kleintobel (v.l.n.r.). Foto: Katharina Stohr

Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen: Medienberichte zeugen fast täglich davon. In vielen Köpfen ist dabei das Bild des Erwachsenen verankert, der das Kind missbraucht. Kinder und Jugendliche sind häufig aber auch selbst sexuell übergriffige Täter - Thema einer Fachveranstaltung im Martinshaus Kleintobel am 9. Oktober 2009.

Folgt man der Statistik des Vereins Brennessel - Hilfe gegen sexuellen Missbrauch e.V., so waren im Landkreis Ravensburg im vergangenen Jahr von insgesamt 129 Missbrauchern alleine 41 Täter unter 18 Jahre alt, 29 davon unter 16 Jahre.

Angepasste und zurückgezogene Jugendliche

„Es ist nicht der kettenschwingende Krawaller, mit dem wir beim sexuell übergriffigen Jugendlichen zu tun haben“, sagt Bernd Siepmann, Diplom-Psychologe und Diplom-Sozialarbeiter der Caritas Beratungsstelle „Neue Wege“ in Bochum. In einem mehrstündigen Fachvortrag im Martinshaus Kleintobel informierte er über seine langjährigen Erfahrungen mit sexuell übergriffigen Jugendlichen und den angemessenen Umgang mit ihnen.

Siepmann zeichnete dabei das Bild des ruhigen, angepassten und zurückgezogenen Jugendlichen, der zum Täter werde: „Die schlucken runter und wollen nicht auffallen.“ Als Beleg zog er eine Studie heran, in welcher 29 jugendliche Missbraucher befragt und untersucht wurden. Acht junge Menschen dieser Gruppe waren vor ihrer Tat selbst sexuell missbraucht worden.

Fehlende Bindung in der Familie

Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe unauffälliger Jugendlicher zeigten die Ergebnisse, dass die Bindungen der jugendlichen Täter innerhalb der Familie innerhalb weniger gut waren. Siepmann verdeutlichte mit Beispielen: „Die Eltern haben ihre Versprechen nicht eingehalten oder haben das Kind in einer bestimmten Situation verlassen.“ Zudem hätten die jugendlichen Missbraucher ihr Familienklima häufiger als negativ beschrieben: autoritär, gleichgültig oder übermäßig behütend.

Die Studie zeigte weiter auf, dass 27,6 Prozent der jugendlichen Täter zum Zeitpunkt ihres ausgeübten Missbrauchs bei beiden Eltern lebten, während in der Kontrollgruppe 68 Prozent der Jugendlichen bei beiden Eltern wohnten. Festgestellt wurde auch, dass die jugendlichen Täter sozial zurückgezogen lebten. „Es gibt bei diesen Jugendlichen wenige tragende Freundschaften“, sagte Siepmann. Vier Jugendliche gaben sogar an, gar keine Freunde zu haben. Überrascht hatte manchen Zuhörer, dass sich die jugendlichen Missbraucher nicht häufiger mit Internet und Fernsehen beschäftigten als die Jugendlichen der Kontrollgruppe.

Thema wahrnehmen

„Sexuell übergriffige Jugendliche“ – ein aktuelles Thema. Davon waren die Veranstalter überzeugt. Etwa Ursula Mähne vom Verein Brennessel – Hilfe gegen sexuellen Missbrauch e.V. in Ravensburg, dessen 15jähriges Jubiläum Anlass für die gemeinsame Veranstaltung mit Jugendamt und Martinshaus war. Sie gehe davon aus, dass es sexuell übergriffige Jugendliche schon lange gebe, aber der Focus auf Kinder und Jugendliche neu in der Wahrnehmung sei. „Ich kann erst wahrnehmen, wenn ich weiß, wie ich mit dem Wahrgenommenen umgehe“, sagte die Diplom-Psychologoin und ermutigte die über 100 lauschenden Teilnehmer aus fünf Landkreisen in der voll besetzten Mensa des Martinshauses: „Je sicherer wir da werden, umso mehr können wir wahrnehmen und die Jugendlichen unterstützen. Das ist die beste Prävention.“

Die Aktualität des Themas sah Christian Glage, fachlicher Geschäftsführer des Martinshaus Kleintobel der Zieglerschen auch durch die Teilnehmerzahlen bestätigt. „Die Zahl der Anmeldungen hat unsere Erwartungen völlig übertroffen. Über 100 Menschen zeigen Interesse an diesem Thema. Das zeigt, dass das Thema dran ist.“ Für Konrad Gutemann, Leiter des Jugendamtes des Landkreises Ravensburg weisen die haupt- und ehrenamtlichen Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen wie Jugendhilfe, Vereine, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Polizei und Schulen noch in eine weitere Richtung: „Die Teilnehmer zeigen, wie schwierig das Thema ist.“

Bernd Siepmann bekräftigte dies:. „Sexueller Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen ist ein schwieriges Thema. Es macht Angst und es gibt viele Gründe, drum herum zu gehen.“ In seinem Vortrag zeigte er Gründe auf, weshalb man darauf zu gehen kann.

Katharina Stohr

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