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22.12.2010

"Das Wichtigste im Leben"

Von Künstlern, Beziehungen, Liebe und Geld im Martinshaus Kleintobel


„Liebe und Geld“ – beides ist wichtig, finden die Martinshaus-Künstlerinnen Milly und Martina und haben dies auf ihrem Kunstwerk umgesetzt. Foto: Christine Frick.

50 hellblaue Herzen säumen die gut ein Meter breite Holztafel, die vom Boden bis zur Decke reicht: „Also das war das Kunstprojekt mit dem Klebeband", erklärt die 15jährige Milly, „da haben wir uns erst mal lange Gedanken gemacht und dann haben wir beschlossen, einfach die wichtigsten Sachen drauf zu malen." Dass die 50 Herzen des Gemeinschafts-Kunstwerks von Milly und ihrer Freundin Martina neben anderen Symbolen zu einem Dollarzeichen angeordnet sind, versteht sich für die Schülerinnen der Schule für Erziehungshilfe von selbst: „Ja - weil Liebe einfach wichtig ist im Leben und Geld ist eigentlich auch sehr wichtig", sagt Milly. Den Tauf-Namen für die Neuschöpfung fanden die beiden Mädels schnell: „Das Wichtigste im Leben".

Kunstraum am Montag um 10:40 Uhr im Martinshaus Kleintobel, einem der beiden Standorte der Jugendhilfe der Zieglerschen. Werner Mönch, Realschullehrer und freier Künstler sitzt mit sieben Schülern der neunten Klasse an einem runden Zeichentisch, die Gruppe spricht über Beziehungen zwischen Kreis- und Dreiecksformen. Milly und Martina sind auch mit dabei, ebenfalls Till und Jan. Alle vier haben vor drei Wochen ihre erste Vernissage der Ausstellung „Palast der Linien" in der Galerie der Caritas Ravensburg gefeiert. Deren Flure schmücken nun 16 großformatige Bilder, die rund 25 Jugendliche des Martinshaus' über mehrere Monate hinweg geschaffen haben. Angeleitet wurden sie dabei vom Kunstpädagogen Marco Ceroli und den Martinshaus-Lehrern Werner Mönch, Angelika Schmid und Carsten Hampapa. Ermöglicht hatte das Projekt die Kinderstiftung Ravensburg.

Malen beruhigt


Die Erinnerungen an die Schaffenszeit von „Palast der Linien" sind noch lebendig. „Wir Kleintobler sind halt meistens eher aufgebracht und laut und stürmisch und das Malen hat uns beruhigt und herunter gebracht, wir waren voll dabei", sagt Milly, deren Nebensitzer regelmäßig dazwischen quatscht. Viele der rund 90 Schüler haben schon einen langen Weg hinter sich. „Zum Teil sind es Jugendliche, die einfach nicht mehr zur Schule gegangen sind, also sogenannte Schulmeider - Jugendliche, die einen oder mehrere Schulausschlüsse hinter sich haben oder Jugendliche, die aufgrund eines Aufmerksamkeits-Defizitsyndroms im normalen Schulalltag riesige Probleme hatten", erklärt Schulleiter Thomas Frick, der ein Haus weiter in seinem Büro sitzt.

Harte Arbeit bedeutet das für alle im Martinshaus. Die Inhalte des Bildungsplans der in Württemberg einmaligen Schule für Erziehungshilfe mit integriertem Realschulgang zu pauken ist das Eine. Den jungen Menschen im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich auf die Sprünge zu helfen, das Andere. „Die Jugendlichen unserer Schule haben jede Menge Probleme zu bewältigen", sagt Daniel Murr, stellvertretender Schulleiter, der wie seine Kolleginnen und Kollegen stets nach individuellen Lösungen für seine Schüler Ausschau hält. Für Werner Mönch stellt das Fach Kunst den passenden Schlüssel dazu dar. Denn erst einmal gilt es, die richtigen Kontakte zu den Schülern aufzubauen und zu vertiefen. „Die Beziehung ist entscheidend", sagt Mönch, „die jungen Menschen müssen da jemand stehen haben, von dem sie sagen: ‚cool, mit dem möchte ich was machen'. Die sind schon sehr personenbezogen."

Gesellschaftliche Wirklichkeiten


Dass dieses Konzept beim Projekt „Palast der Linien" aufgegangen ist, bestätigt Milly: „Wir hatten sehr viel Spaß und Lebensfreude und wir sind gerne hingegangen. Wir sind sogar freiwillig unter der Woche noch hin, weil wir einfach gemerkt haben, dass es uns liegt und dass es eine Herausforderung ist." Über mehrere Monate hinweg pendelten die Schüler in verschiedenen Gruppen in ein Ravensburger Atelier, um unter Marco Cerolis Anleitung die spezielle Klebe-Maltechnik des internationalen Künstlers Michael Craig-Martin zu erlernen. „Einfach war es nicht", sagt Werner Mönch, „die Schüler mussten lernen, sich auf einen Künstler außerhalb des Martinshauses einzustellen und sie mussten ein hohes Maß an Disziplin und Arbeitsbereitschaft aufbringen, um diese lange Strecke durchzuhalten." Kurze Zeit später fügt er hinzu: „Das sind alles gesellschaftliche Wirklichkeiten, die da erlebt werden mussten."

Wirklichkeiten stellen auch die 16 großformatigen Bilder der noch laufenden Ausstellung „Palast der Linien" in der Caritas Ravensburg dar. Milly denkt an das Bild, welches sie und Martina geschaffen haben. „Also wir würden uns freuen, wenn es verkauft wird, weil wir können das Geld immer gut gebrauchen." Kaufinteressen können in der Galerie direkt ein Gebot abgeben. Ein Drittel des Erlöses soll den Schülern zugute kommen. Till, der die ganze Zeit ruhig am Tisch gesessen hat, beschreibt das Kunstwerk, welches er und Jan zusammen kreiert haben: „Das kann man nicht genau erklären, das muss man sehen".


Info: Die Ausstellung in der GiC, Galerie in der Caritas, Seestraße 44 in Ravensburg, ist bis zum 25. Januar 2011 Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 Uhr und von 13:30 bis 17 Uhr, Freitag von 8 bis 12 Uhr geöffnet, Infos unter Tel. 0751/36256-0. Am 26. Januar 2011 um 11 Uhr findet die Finissage statt, an welcher mehrere Martinhaus-Künstler mitwirken werden.

Katharina Stohr

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