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11.12.2009 - Berg

"Jugendliche brauchen Nähe und Kommunikation"

Interview mit PD Dr. Michael C. Hermann zur Abschlussveranstaltung von "brutal digital"


"Wir sollten hinter die Mediennutzung des einzelnen Jugendlichen schauen", sagt Jugendexperte PD Dr. Michael C. Hermann. Foto: Katharina Stohr

Gibt es noch eine Wirklichkeit, die Menschen teilen, wenn jeder seine eigene Wirklichkeit im Internet zusammenbastelt? Gibt es noch einen Ort, an dem eine Gesellschaft sich über sich selbst verständigen kann und das, was ihr und ihren Mitgliedern gemeinsam ist? Michael Hermann, Teilnehmer des Fachtags zum Abschluss von „brutal digital“ fordert im Interview mit Katharina Stohr am 4. Dezember 2009, nicht nur die Mediennutzung von Jugendlichen in den Blick zu nehmen, sondern deren gesamte soziale Wirklichkeit.

K. Stohr: Herr Dr. Hermann, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Jugendlichen und deren Welten, haben über „Politische Weltbilder Jugendlicher“ habilitiert und verfügen als Privatdozent an der Pädagogischen Hochschule Weingarten im Fach Soziologie über tiefe Einblicke in die Medienpädagogik. Welche Eindrücke nehmen Sie als Jugendexperte heute aus dieser Veranstaltung mit?

M. Hermann: Ich nehme schon eine sehr deutliche Kluft wahr. Ich habe einerseits aufmerksam gehört und auch verstanden, welch' positiven Effekte die moderne Medienwelt für die Integration Jugendlicher in die Gesellschaft, für die Aneignung von Wirklichkeit hat. Ich habe aber auch erfahren, dass wir es mit einer erheblichen Zahl problematischer Effekte für Jugendliche zu tun haben, wenn es um Mediennutzung geht. Für mich scheint eine wichtige Aufgabe zu sein, dass wir die beiden Aspekte der modernen Medienwelt, also die positiven Aspekte und die gefährlichen, in unserer pädagogischen Arbeit auch zusammen kriegen und sie nicht isoliert voneinander betrachten.

K.Stohr: Was würden Sie tun, wenn Ihnen alle Möglichkeiten zur Verfügung stünden, diese beiden Aspekte zusammen zu kriegen?

M. Hermann: Ich denke, wir brauchen in einem sehr viel stärkeren Maße eine Qualifizierungsoffensive für Pädagogen und auch für Eltern – aber im Wesentlichen zunächst einmal für Pädagogen. Ich finde, dass heute bei dieser Tagung noch nicht deutlich genug gesagt wurde, in welch katastrophalem Zustand medienpädagogische Ausbildung in Deutschland derzeit ist, mit wie wenig Ressourcen diese ausgestattet ist. Vieles ist einfach Stochern im Nebel ohne klare Konzepte, auch ohne eine wirklich wirksame und transparente Begleitforschung dazu. Ich glaube, nachdem dieses Thema eine solch große gesellschaftliche Relevanz hat, muss diese Gesellschaft auch wesentlich mehr Ressourcen in die Hand nehmen, um das pädagogisch umzusetzen.

K.Stohr: Welche Möglichkeiten haben Eltern und Erzieher zur Umsetzung?

M. Hermann: Ich glaube, wir sind im Moment in einer Phase der Medien- und Medienwirkungsforschung, in der wir viele Effekte nicht so beschreiben können, wie das eigentlich erforderlich wäre. Wir müssen uns von diesen globalen und zu schlichten Theorien verabschieden, dass bestimmte Medien in einer bestimmten Art und Weise auf Kinder und auf Jugendliche wirken, und dass sich daraus näher beschreibbare Konsequenzen ergeben. Nein, was wir allenfalls sagen können, ist, dass Medien auf bestimmte Jugendliche auf eine bestimmte Art und Weise tendenziell wirken könnten. Und das heißt für mich, dass diejenigen, die mit Jugendlichen zu tun haben, sich von pauschalisierenden Theorien verabschieden müssen und sich sehr individuell mit den Jugendlichen beschäftigen müssen, um die es geht. Das ist heute auf dieser Tagung deutlich gesagt worden, dass man sozusagen hinter die Jugendlichen, hinter die Mediennutzung des einzelnen Jugendlichen schauen soll: Nähe, Beziehung, intensive Kommunikation scheinen mir hier die wesentlichen Aspekte zu sein. Die sollten wir alle aktivieren in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen - und dann geht es aber eben nicht nur um deren Mediennutzung, sondern um deren gesamte soziale Wirklichkeit.

K.Stohr: Was glauben Sie, wird in einem oberschwäbischen Kinderzimmer in zehn Jahren passieren?

M. Hermann: Ich sehe gewisse zyklische Bewegungen, so dass man heute nicht zwingend annehmen muss, dass der Siegeszug elektronischer Medien und virtueller Welten bis in alle Ewigkeit im gleichen Maße weiter geht. Vielleicht wird es auch eine Rückbesinnung eher auf das Haptische, auf das unmittelbar und ganz konkret Erlebbare geben. Was ich zunächst einmal befürchte, ist, dass die zukünftige Mediennutzung, sowohl von Jugendlichen wie auch von Erwachsenen, dergestalt sein wird, dass wir nicht mehr den „gemeinsamen Marktplatz“ haben werden. Dies bedeutet: es wird uns der Ort abhanden kommen, an dem wir uns über die Themen auseinandersetzen können, die nicht nur für jeden Einzelnen, sondern für alle gemeinsam, also für eine Gesellschaft wichtig sind. Wir werden hoch fragmentierte Mediennutzungen und hoch fragmentierte Medienwirklichkeiten haben: Und dies wirft die Frage auf, was denn eine solche Gesellschaft noch zusammen hält. Diese Frage ist für mich derzeit unbeantwortet.

K.Stohr: Was für eine Zwischenmenschlichkeit werden wir in zehn Jahren leben, wenn sich die derzeitige Nutzung der neuen Medien von Jugendlichen so weiter entwickelt wie bisher?

M. Hermann: Die sogenannten Netzoptimisten glauben ja, dass die neue Qualität von Beziehungen, die sich mehr am Internet orientieren, nicht automatisch mit Isolierung oder mit dem Verlust von Beziehungsqualitäten einher geht, sondern dass das eben eine neue Form von Networking wäre. Es gibt auch die These, dass Jugendliche, die in ihrer sozialen Realität isoliert sind, dies ganz gut kompensieren können durch die Nutzung dieser virtuellem Kontakte, die dann allerdings gar nicht mehr virtuell wären sondern eigentlich schon real wären, nur eben auf eine andere Art und Weise als die traditionellen face-to-face-Kontakte. Ich bin da skeptisch. Ich glaube, es macht einen Unterschied, ob man face-to-face Menschen begegnet und damit ganz andere Qualitäten und Differenzierungen von Beziehung erleben kann, auch ganzheitlicher einen Menschen erleben kann, als das, was im Internet geschieht. Solche Positionen werden gerne als kulturkritisch, altertümlich oder traditionell abgelehnt oder beschrieben, aber ich denke, dass über kurz oder lang sich schon auch die Überzeugung durchsetzen wird, dass es einen Unterschied macht, ob man einem realen Menschen gegenüber sitzt oder ob man über Skype oder sonst wie mit jemandem Kontakt hat.

K.Stohr: Wie wichtig ist nonverbale Kommunikation zwischen Menschen?

M. Hermann: Zunächst einmal: Kommunikation insgesamt ist sehr wichtig. Und Kommunikation ist als ein zweiseitiger Prozess beschrieben, bei dem Menschen einander wahrnehmen können. Jetzt kann man abstrakt sagen: auch eine Kommunikation auf virtuellen Formen bietet eine Wahrnehmbarkeit. Ich finde, das ist aber eine Reduktion von Wahrnehmbarkeit, von Reflexivität. Ich glaube, zu einer ganzheitlichen Kommunikation und damit eben auch zu einem ganzen Mensch-sein gehört schon, dass man nicht nur mit den Sprechakten, die dann irgendwie verschriftlicht sind, von jemandem zu tun hat, sondern jemanden mit seiner gesamten Art, sich auszudrücken eben erleben kann und damit eben auch Nuancierungen in seiner emotionalen Befindlichkeit spüren kann, die ich durch irgendwelche emoticons oder Smileys in einem Chat nicht zum Ausdruck bringen kann.


Danke für das interessante Gespräch!

Katharina Stohr

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