»Der Glaube ist eine Kraft, die die Angst nimmt«

Interview mit Brigitte Seeland und Monika Rothermundt über ihre Arbeit in der Wilhelmsdorfer Hospizgruppe und die Frage, ob man einem Menschen die Angst vorm Sterben nehmen kann.
Frau Seeland und Frau Rothermundt, Sie begleiten in der Hospizgruppe Wilhelmsdorf Sterbende und deren Angehörige. Wie muss man sich das vorstellen?

Brigitte Seeland: Es ist so: Wenn jemand Bedarf hat, werden wir angerufen und dann geht man zu einem sogenannten Erstgespräch. Dann schaut man sich an: Wie geht es dem Sterbenden, verschafft sich ein Bild. Anschließend fragt man die Angehörigen und den Sterbenden (soweit er noch fähig ist zu sprechen) was an Bedarf da ist. Meistens, wenn’s eine intensive Pflege ist, brauchen die Angehörigen einfach mal Zeit wegzugehen, um beispielsweise mal einkaufen zu können.
Dann sind wir da und unterstützen die Angehörigen dabei.

Monika Rothermundt: Im Pflegeheim treten die Angehörigen oft kaum in Erscheinung. Viele Menschen dort haben oft keine Angehörigen mehr oder sie wohnen ziemlich weit weg. Viele Sterbende sind daher sehr dankbar, dass wir für sie da sind. Im Pflegeheim ist es somit eher eine Unterstützung der Pflegekräfte, die auch nicht ständig da sein können. Oft sind wir abends da, bis in die Nacht hinein.

Kann man Menschen die Angst vorm Sterben nehmen?

Brigitte Seeland: Ich hatte mal einen Fall, da wollte die Sterbende Volkslieder hören. Da habe ich »Horch was kommt von draußen rein« gesungen und sie konnte beruhigt und friedlich gehen. Der Glaube spielt oft eine große Rolle. Wenn der Sterbende oder die Angehörigen möchten, dass gebetet wird, kirchliche Lieder gesungen werden oder wir einen Psalm vorlesen sollen, tun wir das. Vielen Menschen nimmt das die Angst und spendet Trost. Der Glaube ist eine Kraft, die die Angst nimmt – zumindest für kurze Zeit.

Monika Rothermund: Nein, aber wir können zeitweise etwas lösen, indem wir mit Gesang, Instrumenten oder Handhalten den Menschen das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind. Beim letzten Schritt ist aber jeder auf sich gestellt. Jeder Sterbende möchte anders gehen.

Macht das manchmal nicht auch ratlos?

Brigitte Seeland: Ratlos ist das falsche Wort. Es macht eher ohnmächtig, demütig: Was muss dieser Mensch alles aushalten, das ganze Geschehen, die Ehrfurcht, was kommt noch in den letzen Stunden? Was fragen die meisten Angehörigen?

Brigitte Seeland: Wie lange dauert es noch? Mache ich alles richtig? Was soll ich tun? Das sind typische Fragen. Leider ist es schwierig für uns, darauf eine Antwort zu geben oder daran anzuknüpfen. Wir überlegen dann meistens miteinander, wie wir dem Sterbenden noch schöne letzte Tage bereiten können.

Gibt es auch positive Erlebnisse in Ihrer Arbeit?

Monika Rothermund: Ja, wenn wir spüren, dass die Menschen froh sind, dass wir für sie da sind. Und die Freude der Angehörigen, wenn sie auch mal loslassen können.

Und was sind Dinge, die Ihnen schwerfallen?

Brigitte Seeland: Es tut oft sehr weh, jemanden in seinem Bett liegen zu sehen, zu sehen, wie er mit seinem Leben ringt. Wir können dann »nur« da sein und versuchen, es mit irgendwelchen Hilfsmitteln zu erleichtern. Aber im Grunde steht man einfach machtlos daneben. Das fällt schwer.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Von Anna-Vanessa Möhrle