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22.07.2009

Rotkäppchen trägt bundesweit den ersten Preis nach Wilhelmsdorf

Filmteam des Hör-Sprachzentrums gewinnt beim 39. Jugend- wettbewerb der Volksbanken und Raiffeisenbanken in der Kategorie Kurzfilm


Lassen sich auch im Wald nicht vom richtigen Weg abbringen: Das Rotkäppchen-Filmteam des Hör-Sprachzentrums Wilhelmsdorf, Bundessieger der Kategorie Kurzfilm beim 39. Jugendwettbewerb der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Foto: Katharina Stohr

Rotkäppchens Oma hätte große Augen bekommen: Fünf hörgeschädigte Schüler des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen in Wilhelmsdorf haben beim 39. Internationalen Jugendwettbewerb der Volksbanken und Raiffeisenbanken bundesweit den ersten Preis in der Kategorie Kurzfilm gewonnen. Mit dem Videofilm „Rotkäppchen – oder Auge, sei wachsam!“ setzte sich das Filmteam gegen 369 Mitbewerber durch. Bei der feierlichen Preisverleihung am 20. Juli 2009 im Rathaus Wilhelmsdorf freuten sich die Schüler und ihr Lehrer Hans-Peter Lübke über Glückwünsche und Gutscheine, die Brigitte Fischer von der Volksbank Altshausen überreichte: Anfang August reisen die Sieger zu einer Kreativ-Woche mit Film-Workshop an die Ostsee.

Rotkäppchen läuft durch den Wald und trägt einen Korb in seiner rechten Hand. Im wahren Leben ist Rotkäppchen ein hörgeschädigter Schüler aus dem Hör-Sprachzentrum. Rotkäppchens Korb ist gefüllt mit Kuchen und einer Flasche Schnaps für die kranke Oma. Zuvor sitzt es noch mit seinem Vater im Wohnzimmer. Dieser bewegt seine Hände vor sich in der Luft, was Rotkäppchen aufmerksam und mit großen Augen verfolgt. Der Vater gestikuliert eindringlich und bewegt lautlos seine Lippen, ein Untertitel erscheint: „Du musst auf dem Weg bleiben.“ Rotkäppchen nickt. Der Vater gebärdet weiter, der nächste Untertitel taucht auf: „Den Weg nicht verlassen.“ Pianomusik unterstreicht den Film.

Dass gerade ein Film gewinnt, in dem auf gehörte und gesprochene Worte verzichtet wird, freut Hans-Peter Lübke, Kunst- und Ethiklehrer am Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf ganz besonders. „Aufgrund ihrer Hörschädigungen sind bei meinen Schülern andere Sinne stärker ausgeprägt“, sagt Lübke, „die Qualitäten der hörgeschädigten Kinder liegen im visuellen Bereich. Schüler, die einfühlsam beobachten können, können dies auch einfühlsam wiedergeben.“ Seine Schüler könnten alleine durch das Sehen die Gemütslage von Lehrern und Gleichaltrigen erkennen. „Im Film wird sichtbar, dass dadurch hohe schauspielerische Qualitäten entstehen.“

Die Jury sah das wohl auch so: „Eine gekonnte Umsetzung eines Märchens in die Gegenwart. Der Film besticht durch Witz und originelle schauspielerische Leistung“, so Professor Klaus-Ove Kahrmann von der Universität Bielefeld in einem schriftlichen Kommentar.

Was es mit dem umgesetzten Märchen auf sich hat, macht Hans-Peter Lübke deutlich: „Märchen sind brutal, wenn man sie liest. Mit 12jährigen ein Märchen zu analysieren, und zudem eine eins-zu-eins-Übersetzung zu machen, das geht nicht. Wir können niemanden als Wolf verkleiden.“ Die Lösung lautete: angleichen. Statt dem bösen Wolf spielt der böse Mann. Der versteckt sich auch prompt im Wald hinter einer Fichte und lauert dem arglosen Rotkäppchen auf, das – ohne den Mann zu sehen – schon zu spüren scheint, dass es nicht mehr alleine ist. All' die Warnungen des Vaters sind vergebens: Rotkäppchen lässt sich vom Wolf verführen und kommt vom Weg ab.

„Es ist eine schauspielerische Höchstleistung, wie die sanfte und penetrante Gewalt übergreift und wie Rotkäppchen mit großer Vehemenz auf den falschen Weg gebracht wird“, bewertet Lübke diese Szene. Was den Filmtitel Rotkäppchen trägt, das muss auch einen Jäger haben. Und der scheint dem Motto des Jugendwettbewerbs direkt entsprungen zu sein: „Mehr Miteinander. Mehr Menschlichkeit – Auf dich kommt's an.“ Mit Pfeil und Bogen rettet er Rotkäppchen mitsamt Oma aus den Fängen des Wolfs und zeigt Zivilcourage.

Entstanden ist Rotkäppchen im Sommer 2008, anlässlich der alljährlichen Projektwoche im Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf – lange vor der Ausschreibung des Jugendwettbewerbs. Lübke entdeckte diese erst im Frühjahr 2009 und hat daraufhin den Film eingereicht: „Schön ist, wenn man unabsichtlich gewinnt“, sagt er.

Rotkäppchen ist zu sehen unter: Rotkäppchen – oder Auge, sei wachsam!

Katharina Stohr

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