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28.08.2010

Wie sagt man auf Hawai´isch Hallo?


Petra (links) und Susanne bereiten sich auf ihre Weise auf den Karibik-Abend im Altshausener Feriencamp vor: mit Honigcreme und Gurkenscheiben als Augenschutz lassen sie sich bräunen

Im fünften Jahr schon ist es vier mal zehn Kindern aus einkommensschwachen Familien Oberschwabens vergönnt, auf dem weitläufigen Gelände des Hör-Sprachzentrums in Altshausen richtig Ferien zu machen. Rahmenthema am vergangenen Mittwoch war die Karibik. Die Kinder wussten im allgemeinen, wie Hallo auf Hawai´isch heißt, die erwachsenen Betreuer hingegen mussten im Internet nachschauen: „Aloha" war die Lösung.

Wie eine unsichtbare Folie begleitet das Thema Geld das Leben dieser Kinder. Eine Gruppe bastelt am Karibik-Tag einen Geldbeutel. Keinen gewöhnlichen allerdings sondern schon einen mit Hawaii-Flair: Aus gebrauchten Tetra-Paks mit Klettverschluss. Auf einem von ihnen prangt eine knallige Werbe-Tomate: „gut & günstig". Sandra Krusch, die junge Leiterin des Camps berichtet, dass die jüngeren Kinder durchaus offen von ihren kleinen Geldsorgen reden: das und das sei zu teuer, sie müssten ihr Taschengeld sparen. Ältere Kinder dagegen tendierten dazu, ihre und ihrer Familie Geldnot zu verheimlichen, um ihre Eltern vor Schande zu schützen. Der 10-jährige Henrik erzählt davon, dass ihm seine Oma „irgendwie einmal alles zahlen werde, einschließlich eines Cabrios". Den 14-jährigen Noah nervt es, dass die Spülmaschine im Altshausener Internatsgebäude kaputt ist und die Kinder deshalb alles selber spülen und abtrocknen müssten. Gefragt, ob sie denn zu Hause auch eine Spülmaschine hätten antwortet er schnell, fast zu schnell: Logo.

Die Stimmung in der Ferienfreizeit der Zieglerschen scheint gut zu sein: Vanessa, 12 Jahre alt, findet „es ganz witzig, alles umsonst". Ihre Freundin Petra schätzt die Buben „gut" ein, diese wiederum finden die Mädchen -welch ein Kompliment- „normal". Fabian Wollmann, der im fünften Jahr als Betreuer mitarbeitet erlebt in Sandra Krusch „eine geniale Chefin. Man kann über alles reden mit ihr, über alles lachen. Und trotzdem bleibt sie sachlich". Und letztere resümiert: „Ich bin dermaßen stolz, so etwas machen zu dürfen. Und dass Frau Belli ( die fachliche Leiterin des Hör-Sprachzentrums) mir dafür die Verantwortung in die Hände gelegt hat. Die Kinder sind so dankbar."

Es gilt natürlich, wie in jeder Gemeinschaft, Regeln einzuhalten: einander zuzuhören, sich an-und abzumelden, Gewalt in jeder Form ist verboten. Eine der Regeln, die sich für viele Kinder als sehr gewöhnungsbedürftig erweist, ist die strikte tägliche Dusch-Vorschrift: Kein Abendprogramm ohne Duschen! Abendprogramm heißt: Disko im Haus, Kino im Haus, Nachtwanderung. Am Mittwochabend war zu erwarten: Kindercocktail und Hula-Tänze von Hawaii. Sandra Krusch erzählt von einem achtjährigen Mädchen, das mit verfilzten Haaren angekommen sei. „Wir haben die Haare jeden Tag gewaschen und gekämmt. Am Schluss wurden sie weich wie Seide. Wie im Märchen."

Die Ferienfreizeit wird zum großen Teil von den Zieglerschen finanziert, die praktisch die gesamte Infrastruktur stellen: Haus, Energie, Fahrzeuge. Aber auch die Ravensburger Firmen RavensBuch, De Beukelaer, Deutsche Bank und Kreissparkasse haben kräftig mitgeholfen. Fast alle Betreuer arbeiten ehrenamtlich. Gleichwohl fällt es Sandra Krusch nicht schwer, jedes Jahr wieder Menschen zu finden, die ein oder zwei oder drei Wochen ihrer freien Zeit für diese Aktion opfern. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass in Altshausen jeden Sommer ein ganz feines pädagogisch-soziales Biotop am Leben ist.
70 Kinder stehen noch auf der Warteliste und kamen dieses Jahr noch nicht zum Zuge. Sandra Krusch denkt deshalb auf jeden Fall schon darüber nach, wie nächstes Jahr die Kapazität der Altshausener Ferienfreizeit erhöht werden könnte.

26.8.10 - Rainer Kössl

Rainer Kössl

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