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16.09.2011 - Altshausen

Sorglos: Kinder erleben unbeschwerte Ferien

Sommercamp auf dem Gelände des Hör-Sprachzentrums hilft einkommensschwachen Familien


Die Kinder und Betreuer genießen die Zeit im Feriencamp in Altshausen.

Die zehnjährige Marita kommt auf ihre Mutter zugestürmt: „Mama, Mama, können wir daheim auch zusammen essen?" Eine Woche lang hat sie Ferien pur erlebt auf dem Sommercamp der Zieglerschen in Altshausen. Im sechsten Jahr schon können dort Kinder aus einkommensschwachen Familien viermal je eine Woche lang Mallorca in Oberschwaben genießen. Ohne Sorgen ums Geld und liebevollst betreut von einem Team um die Heilerziehungspflegerin Sandra Krusch. „Sandra, hast Du soviel Geld?" fragt die achtjährige Selina ihre Betreuerin, als diese an der Kinokasse wieder einmal für alle bezahlt. Als ihr erklärt wird, dass hier Sponsoren im Hintergrund stehen gibt sie Sandra spontan den Auftrag: „Sag den Sponsoren und Firmen liebe Grüße von uns, wir bedanken uns herzlich."
Fast 50 Kinder kamen dieses Jahr wieder in den Genuss dieser Freizeit, alle vom Jugendamt ausgewählt. „Der Bedarf ist riesig", so die junge Leiterin des Camps, „und kann vor allem im Alter unter sieben und über 14 noch nicht befriedigt werden". Die Betreuer, die nur eine geringe Aufwandsentschädigung erhalten, arbeiten zum Teil schon die ganzen sechs Jahre mit, in denen dieses Projekt läuft.

„Meine Mutter ist mein einziges Eltern"


Der zwölfjährige Pieter, der erst im Nachrückverfahren in das Sommercamp einziehen konnte, kann mit dem Thema „Armut" fast schon ein wenig offensiv umgehen. Zwar findet er die 50 Euro Schulgeld, die seine Mutter für das Gymnasium St. Johann in Blönried zahlen muss, „schon recht teuer", aber dennoch hält er sich nicht für ärmer als andere Kinder. Wenigstens nicht ärmer an Spielsachen. Weil er die nämlich zusammen mit seiner Mutter immer auf dem Flohmarkt einkaufe, habe er zum Beispiel wesentlich mehr Playmobils als seine Kameraden, die diese immer neu bekämen.
Reich ist Pieter, auch wenn er das ausdrücklich nicht so sagt, an seiner Mutter. Ihrem Sohn zuliebe hat sie am vergangenen Sonntag eine Motor-Truck-Show auf dem Gelände der Oberschwabenhalle in Ravensburg über sich ergehen lassen. Ihr (bescheidenes) Einkommen erwirtschaftet sie sich mit dem Betrieb eines Kiosks an einer Schule. Pieter findet das super, denn damit habe seine alleinerziehende Mutter dieselben Ferien wie er und sie könnten viel miteinander machen.
Auf die Frage nach seinen drei Wünschen, die ihm eine Fee erfüllen würde, weiß Pieter zuerst nur zu sagen: „Ich hab alles, wenigstens was die Spielsachen betrifft." Dann schiebt er aber dennoch nach: „Dass es den Armen in der Welt besser geht", „dass er später einmal reich werde". „Und dass meine Mutter nicht stirbt".
Pieters Mutter ist überglücklich, dass ihr Sohn in Altshausen mitmachen darf. Eine eigene Ferienreise hätten sich die beiden nicht leisten können.

„Ohne Mama geht nichts"


Jessica, knapp 15 Jahre alt, erklärt sehr energisch, dass sie nicht darüber reden möchte, warum sie auf dieses Camp gekommen ist. Und sie möchte auch nicht fotografiert werden, bevor sie sich geschminkt hat. Auf der anderen Seite: sie ist, von der Camp-Leiterin Sandra Krusch darauf angesprochen, ohne Zögern zu einem Gespräch bereit.
Sie wächst in der Nähe von Leutkirch auf, zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihren vier Geschwistern, die zum Teil Halbgeschwister sind. Sie ist die Älteste und empfindet die Rolle, die ihr damit zufällt, wohl als ziemlich belastend.
Jessica besucht im kommenden Schuljahr die letzte Klasse der Förderschule und erzählt stolz, dass sie im letzten Zeugnis einen Schnitt von 2,1 erreicht habe. Sie möchte Hotelfachfrau werden, nur in Englisch habe sie erhebliche Probleme.
Wie ihr Camp-Kamerad Pieter auf ihre drei Wünsche an die Märchenfee angesprochen ergeben sich erstaunliche Ähnlichkeiten. Auch sie hat Angst, dass ihr die Mutter „an Krebs wegsterben könne". Überhaupt, der ganzen Familie solle es gut gehen. Auch sie denkt an die Kinder in Afrika, die vom Hungertod bedroht sind. Aber sie erbittet sich noch einen vierten Wunsch an die Fee: „Ich möchte eine schöne Frau werden und einen tollen Mann bekommen."
Jessica kommt am Schluss wieder zu ihrem Thema zurück: „Ich kann ohne meine Mama nicht leben". Und fügt fast entschuldigend hinzu: „ Obwohl ich sie manchmal auch nicht leiden kann."

Fingerspitzengefühl für Armut

Fachleute sind sich ja immer noch nicht einig darüber, ob Pädagogik, also die Begleitung von Kindern, überhaupt erlernbar ist. Oder ob man diese Kunst des Erziehens nicht einfach im Bauch haben müsse.
Sicher ist, dass Sandra Krusch, die 24-jährige Leiterin des Jugendcamps von Altshausen, solch ein pädagogisches Naturtalent ist. Als die Zieglerschen ihr vor drei Jahren dieses Projekt anvertraut haben, ihr, die deutlich jünger ist als manche ihrer Mit-Begleiter, da wussten sie, welch ein pädagogisches Juwel ihnen da in den Schoß gefallen war.
Umgang mit diesen Ferien-Kindern und ihren Eltern, deren einziges Thema oft das Geld ist, das hinten und vorne fehlt, heißt Umgang mit Scham, mit Gefühlen der Minderwertigkeit, aber auch mit Abwehrhaltungen. Fingerspitzengefühl und Menschenliebe ist hier von Seiten der betreuenden Personen gefragt.
„Das fängt schon bei der Ankunft der Kinder an", so Sandra Krusch. „Manche Eltern lassen ihre Kinder am Parkplatz aussteigen und getrauen sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu uns herein." „Diese Ängste ihrer Eltern spüren die Kinder, wir spüren dann ihre innere Unruhe."
Aber es gibt auch die Mütter, die der Leiterin am Schluss der Woche um den Hals fallen, weil sie spüren, dass ihren Kindern Glück widerfahren ist.

Rainer Kössl

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