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Ein Fremder in der eigenen Stadt

11.07.2012 | von Sonja Friedel
Bürgerpass Spielstadt Siloah 2012
ein ausgefüllter Bürgerpass

Auch in diesem Jahr hat sich das Ev. Kinder- und Jugenddorf Siloah für drei Tage in eine Spielstadt verwandelt. Während dieser Projekttage können die Kinder verschiedene Arbeitsbereiche und Bedingungen der Arbeitswelt kennen lernen und sich auf das spätere Leben spielerisch vorbereiten. Doch diesmal war etwas anders. Ein Fremder hatte sich eingeschlichen.

Ich stehe vor dem Finanzamt und bitte um eine Arbeitserlaubnis. „Da kann ich leider ohne Ausweis nichts machen", meldet mir der Finanzminister Nusser zurück und schickt mich zum Rathaus. Dort muss ich mich wie im normalen Leben erstmal in den Wartebereich setzen und auf den Aufruf warten. Bürgermeisterin Steffi bittet mich dann zu sich. Ja, einen Ausweis kann man mir ausstellen. Nur bei der Gebühr gibt's Schwierigkeiten. Geld bzw. hier wird das Siloahner genannt, habe ich als Einwanderer ja noch keines. „Dann besorgen Sie sich halt welches" schmettert mir Frau Bürgermeisterin salopp entgegen und entlässt mich in die Ungewissheit. Nun steh ich da. Im Flur der Spielstadt bemerke ich einige Tauschgeschäfte unter den Kindern und Jugendlichen - man könnte es auch Schwarzmarkt nennen. Ich habe Glück. Ein 13jähriger Junge schenkt mir 8 Siloahner, fünf davon wird mir das Rathaus für den Ausweis abknöpfen. Der Rest reicht für ein frisch gebackenes Schinkenhörnchen aus der Bäckerei der Spielstadt, die ich gleich aufsuchen werde. Aber zuvor besorge ich mir den Ausweis, der mich zur Bürgerin Siloahs werden lässt und stehe kurz danach wieder vor Herrn Nusser im Finanzamt. Er stellt mir die Arbeitserlaubnis aus, womit ich mir gleich daneben im Arbeitsamt einen Job aussuchen kann. Der junge Mann vom Arbeitsamt ist freundlich und erklärt mir das System. Es gibt natürlich beliebte und weniger beliebte Jobs. Dazu gehört z.B. die Hausmeisterei, wo akuter Fachkräftebedarf herrscht. Flugzeugbau - das hört sich spannend an und so finde ich mich kurze Zeit später bei meinem neuen Chef Herrn Katein wieder. Der ist erfreut über einen neuen Mitarbeiter, ist doch der letzte erst kurz vor meinem Auftritt mit seinem mit Stempeln übersäten Arbeitsausweis von dannen gezogen, um sich seinen Lohn auf der Bank abzuholen. Eine halbe Stunde hätte der nur ausgehalten, die Arbeit sei hart und man verdiene wenig, sagt mein neuer Chef und so hätte er stetigen Wechsel in der Mitarbeiterschaft. Mir ist das egal. Still arbeite ich vor mich hin und bin um meine Arbeitserlaubnis heilfroh, als ich plötzlich eine Stimme hinter mir höre, die zu einem grimmig dreinblickenden Polizeibeamten gehört: „Guten Tag, Ihre Ausweispapiere bitte".