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„Bei Schulschwänzen so schnell wie möglich reagieren“

25.09.2015 | von Katharina Stohr

Unterstützen und beraten, wenn es in der Schule klemmt: Das Team der Schulsozialarbeiter/innen der Zieglerschen. / Foto: Katharina Stohr

Schulsozialarbeiter der Zieglerschen nehmen bei einem Fachtag Schulschwänzer in den Blick: Welche Ursachen hat der „Schul-Absentismus“? Und was können Eltern, Lehrer und Schulleitungen tun?

Null Bock auf Schule – oder was? Rund fünf Prozent der Schüler in Deutschland schwänzen die Schule, das sind etwa 600.000 Kinder und Jugendliche, die dem Unterricht fern bleiben. Auch die Schulsozialarbeiter des Martinshaus Kleintobel, einer Jugendhilfeeinrichtung der Zielgerschen, werden an ihren 21 Standorten in den Landkreisen Ravensburg und Biberach zunehmend mit Schulschwänzern und Schulverweigerern konfrontiert. Bei einem Klausurtag hat sich das 18köpfige Team der daher fachlichen Input von Martina Roth-Geiger, Ärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie geholt.

„Im Wesentlichen wird zwischen drei Formen der Schulverweigerung unterschieden“, sagt Daniela Mendler, Abteilungsleiterin für Gemeinwesenarbeit und Schulsozialarbeit bei den Zieglerschen, im Nachgang des Fachtags: „Schulschwänzen, Schulangst und Schulphobie.“ Stecken hinter Schulschwänzen der umgangssprachliche „Null Bock auf Schule“ oder fehlendes Sozialverhalten, äußert sich die Schulangst hingegen meist in körperlichen Beschwerden wie verspannten Muskeln, Schlaflosigkeit oder morgendlichem Erbrechen vor dem Gang zur Schule. Bei der Schulphobie leiden die Kinder und Jugendlichen extrem unter ihrer starken Angst und zeigen oft schon am Abend zuvor körperliche Symptome. Diese Form hängt mit der Beziehung zum Elternhaus zusammen.

„Es kann gute Gründe geben, weshalb das Kind nicht in die Schule gehen kann“, sagt Mendler. „Vielleicht kommt es nicht, weil es sich Sorgen um die Mutter macht oder es kann das Haus nicht verlassen, weil es von Mitschülern gemobbt wird.“ Die Aufgabe der Schulsozialarbeit bestehe darin, entsprechende Signale und Botschaften der Kinder und Jugendlichen zu verstehen und herauszufinden, was dahinter steckt. Übersetzt heißt das: „Die richtige Frage am richtigen Ort an die richtige Person zu stellen.“ Die Form der Schulverweigerung hingegen zu diagnostizieren, obliege den Kinder- und Jugendpsychiatern. Hinter jeder Form stecke ein bestimmtes Signal. „Jedes Kind und jede Geschichte sollte daher individuell angeschaut werden, bevor Ordnungsmaßnahmen der Schule angewandt werden.“

Gefordert sind generell alle Beteiligten, sagt Mendler. „Es gibt Fälle, bei denen sich Eltern wieder stärker in ihrer Verantwortung einbringen müssen, um ihr Kind zum Schulgang zu bewegen.“ Schwierig werde dies vor allem dann, wenn gut gemeintes Mitleid dem leidenden Kind gegenüber die Entschuldigungspraxis unterstütze. „Damit wird die Rückkehr in die Schule immer schwieriger“, ermahnt Mendler. Auch Lehrer und Schulleiter sollten nicht wegschauen sondern fernbleibende Schüler jeden Tag in den Blick nehmen. „Für das Kind muss es sich quasi lohnen, in die Schule zu gehen. Das funktioniert nur, wenn es gute Beziehungen zu Mitschülern und Lehrern zu erwarten hat.“ Beziehung mache Schule aus.

Als Tipp für Eltern hält Daniela Mendler bereit: „Achtsam und aufmerksam sein und so schnell wie möglich reagieren, wenn ein Verdacht des Schulverweigerns aufkommt“. Betroffene Eltern können sich vor Ort auf kurzem Weg direkt an die Schulsozialarbeiter, schulpsychologische Beratungsstellen, Erziehungsberatungsstelle oder Kinder- und Jugendpsychiater wenden. „Bei Schulabsentismus geht es darum, dass es so schnell wie möglich aufhört - und dass Sie sich helfen lassen.“