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Vielfältige Angebote in neuen Räumen

12.12.2013 | von Eva Huchler

Die Mitarbeitenden der neuen Bürogemeinschaft freuen sich, individuelle Beratung und persönliche Unterstützung für gehörlose Menschen anzubieten.
„Ich wünsche Ihnen eine fruchtbare Zusammenarbeit", sagte Florian Müller, Dekanatsreferent des Katholischen Dekanats Allgäu-Oberschwaben und warf eine Nuss auf den Boden der neuen Büroräumlichkeiten. Zuvor hatte er den Gästen der Einweihungsfeier erklärt, was es damit auf sich hat: Ein alter römischer Hochzeitsbrauch sieht vor, dass der Bräutigam Walnüsse unter seine Gäste wirft. Erklingt der Aufprall der Nüsse auf dem Boden hell, ist dies ein Omen für eine glückliche Ehe.
Anlass der Feier am Nikolaustag war jedoch keine Heirat, sondern die Einweihung der neuen Bürogemeinschaft der Behindertenhilfe und des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen gemeinsam mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In den neuen Räumlichkeiten in der Charlottenstraße 41 in Ravensburg finden behinderte und gehörlose Menschen seit Anfang Dezember vielfältige Beratungs- und Unterstützungsangebote.

„Uns ist es wichtig, Menschen mit Behinderung ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen", sagt etwa Anne Bürkle, die mit ihrer Kollegin Nadine Strehle die Ambulanten Dienste der Behindertenhilfe im neuen Büro in Ravensburg vertritt. Betroffene und deren Angehörige dürfen bei beiden Mitarbeiterinnen individuelle und persönliche Beratung erwarten. „Beispielsweise vermitteln und begleiten wir behinderte Menschen in Gastfamilien und bieten Ambulant Betreutes Wohnen an", erklärt Nadine Strehle und nennt damit nur zwei Möglichkeiten aus einer großen Angebotspalette, die bis hin zu Urlaubs- und Freizeitangeboten reicht.
Als Brücke zwischen der gehörlosen und der hörenden Welt bezeichnet Beate Müller vom Hör-Sprachzentrum die Beratungsstelle für Hörgeschädigte. „Wir halten Angebote der allgemeinen Sozial- und Lebensberatung für gehörlose und an Taubheit grenzend schwerhörige Erwachsene vor, erklären Sachverhalte in Gebärdensprache und helfen beispielsweise beim Ausfüllen von Anträgen."
„Komm und sieh", sagt Diakon Karl-Josef Arnold und lädt mit Jesu' Worten zum Angebot der Seelsorge für Menschen mit Hörschädigung der Diözese Rottenburg-Stuttgart ein. Ob Gottesdienste, Seminare, Bibeltreffs, ob Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen: „Ich bin sowohl für Themen aus dem Glauben als auch, in Zusammenarbeit mit dem Beratungsdienst, für Themen aus dem Leben da. Dieses Büro ist ein guter Treffpunkt für alle Hörgeschädigten, um Dinge stressfrei zu klären." Auch Karl-Josef Arnold berät in Gebärdensprache. Vorteilhaft findet er den künftigen Austausch untereinander in der Bürogemeinschaft: „Es ist wichtig, die Dinge auch von anderer Seite beleuchtet zu sehen."

An der Einweihungsfeier beleuchtete Dieter Steuer, Vorsitzender des Gehörlosenvereins Ravensburg, die Dinge aus seiner Sicht. Damit die Hörenden unter seinen Gästen seine Botschaft verstehen konnten, übersetzte eine Gebärdensprachdolmetscherin simultan in Lautsprache. Dieter Steuer schilderte eindrücklich aus seinem Leben als gehörloser Mensch und machte deutlich, dass er Unterstützung braucht, um an der Gesellschaft unter Hörenden teilhaben zu können. Noch sei es leider die Ausnahme, dass beispielsweise kulturelle Veranstaltungen in Gebärdensprache simultan übersetzt werden.

Die neue Bürogemeinschaft kann mit ihren vielfältigen Angeboten eine umfassende Teilhabe gehörloser Menschen zumindest unterstützen. Damit diese Bürogemeinschaft zustande kommen konnte, packten in den letzten Monaten viele helfende Hände an. Begeistert von so viel Herzblut entschied sich kurzerhand auch Stefan Seige, der die musikalische Begleitung für die Feier übernommen hatte, noch spontan an der Einweihungsfeier dazu, sein vereinbartes Honorar zu spenden.
Der Dank der Geschäftsführer der Behindertenhilfe und des Hör-Sprachzentrums, Christoph Arnegger und Ursula Belli-Schillinger, galt insbesondere den Mitarbeitenden der Bürogemeinschaft, der Stadt Ravensburg, dem Architekturbüro Hummler und den Vermietern, der Familie Wotschinski aus Salzburg. Und da die Eröffnungsfeier auf den Nikolaustag fiel, ließen auch sie es sich nicht nehmen, neben Dank und guten Wünschen ebenfalls etwas Handfestes für ihre Gäste mitzubringen: Alle Besucher durften sich aus einem Sack eine Mandarine greifen und aus einem Korb einen Lebkuchen nehmen. Diese warfen die Gäste und Mitarbeitenden dann aber nicht auf den Boden, um den Klang zu testen, sondern ließen sie sich schmecken. Ein gutes Omen.