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Sprache macht stark - bewährte und neue Lernorte der Sprachheilpädagogik

20.05.2014 | von Rainer Kössl

Das Hör-Sprachzentrum und die Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik luden am vergangenen Wochenende zum Fachtag ein.
Sprache und Sprechen geht von alleine. Meint man. Ebenso wie gehen, atmen oder der Gebrauch der Sinne. Dass dem überhaupt nicht so ist, zeigt die jahrzehntelange sprachheilpädagogische Arbeit des Sprachheilzentrums in der Ravensburger Weststadt mit vielfältigen Beeinträchtigungen von Kindern im Bereich des Spracherwerbs und des Sprachgebrauchs. Wie die Schule in Zukunft mit den Erfordernissen der Inklusion umgehen will, damit befasste sich eine Fachtagung des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik am vergangenen Wochenende mit dem Thema: Sprachheilpädagogischer Unterricht an verschiedenen Lernorten.

Das Ergebnis der Tagung auf einen Nenner gebracht: Sprachheilpädagogischer Unterricht hat seinen Ort nicht primär im Therapiezimmer im Einzelunterricht. Er findet statt im sozialen Raum eines Klassenzimmers und bedient sich dort des Instrumentariums der Sprachheiltherapie. Spracheilpädagogischer Unterricht wird erteilt, um den betroffenen Kindern Lerninhalte und damit auch Schulabschlüsse zu ermöglichen, zu denen sie ohne diesen Unterricht keinen Zugang hätten. „Die Kunst des Sprachheillehrers besteht darin, einen Unterricht zu kreieren, in dem möglichst alle der sprachlichen Auffälligkeiten berührt und berücksichtigt werden", so Christoph Möhrle, zuständiger Abteilungsleiter am Sprachheilzentrum für Kooperation mit Regelschulen.

Zwei Orte dieser Beschulung von Kindern mit einer oder mehreren sprachlichen Behinderungen kristallisieren sich heraus: Die klassische Sprachheilschule, wo Kinder mit ausgeprägter, sprachlicher Behinderung im geschützten Raum einer Sonderschule von Sprachheilpädagogen unterrichtet werden. Daneben erweist sich der Weg der Inklusionsklassen an Regel-Grundschulen für Kinder als möglich, die zwar diagnostizierten Förderbedarf haben, sich aber dem täglichen Umgang mit Kindern ohne Sprachdefizite gewachsen fühlen.

 

Inklusionsklassen an der Neuwiesenschule

Die doppelzügig geführte Grundschule Neuwiesen führt vier sogenannte Inklusionsklassen, in denen, für die anderen Schüler unerkannt, zwei bis sechs Sprachheilkinder mit unterrichtet werden. Bis zu einem bestimmten Grad der Sprachbehinderung erweist sich diese Form der Beschulung für alle Beteiligten als gewinnbringend. Sprachheillehrerin Claudia Gronbach: „Durch geschickte Kombination in Kleingruppenarbeit und Auswahl des Nebensitzers werden hier, so ganz nebenbei, Sprachimpulse gegeben."
Dennoch, diese inklusive Form der Beschulung hat ihre Grenzen: Für vier bis fünf sprachbehinderte Kinder wird eine halbe Sonderschul-lehrerstelle neben dem regulären Grundschullehrer notwendig. Und vom Kind her gesehen: Neben dem normalen Lehrstoff der Grundschule hat ein solches Kind an der Behebung seiner sprachlichen Problem-stellungen zu arbeiten. Nicht für alle Schüler ist der Rahmen in einer Inklusionsklasse erfolgsversprechend. Manche kehren dann in den geschützten Raum der Sprachheilschule mit kleinen Klassen und intensiver sprachheilpädagogischer Förderung zurück.
Dabei gibt es Inklusionsgewinner und Inklusionsverlierer. Erstere können nach zwei Jahren immanenter sprachheilpädagogischer Förderung in der Inklusionsklasse ganz unbemerkt für die Umwelt wieder zum normalen „Regelkind" werden. Und es gibt die Verlierer der Inklusion, wenn die Eltern, trotz Überforderung ihres Kindes in der Regelklasse oder der Inklusionsklasse, den Weg in die Sonderschule nicht freimachen.

Christoph Möhrle: „Wir wollen in Zukunft weiterhin zweigleisig fahren. Neben unserem Sprachheilzentrum wollen wir ein Netz von Schwerpunktschulen installieren, wo Inklusionsklassen nach dem Modell der Ravensburger Neuwiesenschule geführt werden."

Ursula Belli-Schillinger, fachliche Geschäftsführerin des Hör-Sprachzentrums, begrüßt die TeilnehmerInnen und Referenten. Dr. Jörg Mußmann von der Universität Hamburg stellt den 90 Teilnehmern eine Vielzahl an sprachheilpädagogischen Settings vor. Referentin Anja Theisel, Staatliches Seminar für Lehrerbildung in Stuttgart, steht für Fragen bereit.
Bilderstrecke: Impressionen zum Fachtag (6 Bilder).