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Schulfest im Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf

15.06.2015 | von apm
Dosenschießen beim Schulfest HSZ
Geschicklichkeitspiele machten großen Spaß - Foto: apm

Beinahe hätte das große Schulfest am Hör- und Sprachzentrum der Zieglerschen in Wilhelmsdorf gar nicht stattfinden können und die vielen Hunderte Besucher hätten am vergangenen Sonntag wirklich etwas verpasst. Der Grund wäre im Jahr 1873 zu suchen gewesen, wie Schulleiter Jochen Hallanzy bei der Andacht zum Festsonntag den staunenden Gästen erklärte.

Damals hatte Johannes Ziegler ein Problem. Sein Schwiegervater August Friedrich Oßwald hatte die heutige Schule im Jahr 1837 damals Taubstummenanstalt gegründet. Ziegler betreute in einem kleinen Haus 26 gehörlose und 30 hörende Kinder. Viel zu viele für das kleine Gebäude. Sollte er die gehörlosen Kinder nach Hause schicken? Als frommer Mann bat er Gott, ihm doch bei der Entscheidung zu helfen. Bei der Brüdergemeinde in Wilhelmsdorf war es damals schon üblich, dass am 31. Dezember auch jeder Einzelne einen Bibelvers ziehen kann, der ihn dann durch das ganze Jahr begleitet. Johannes Ziegler zog für die Taubstummenanstalt die Verse 1 und 2 des 91. Psalms: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott auf ich hoffe." Ein paar Wochen später bekam Ziegler einen Brief von einem Freund aus Jerusalem. Auch dort hatte dieser einen Bibelvers gezogen. Es war genau derselbe wie in Wilhelmsdorf. Da war für Ziegler die Entscheidung klar: Die gehörlosen Kinder durften bleiben.

„Und das war sicher gut so", schmunzelt Jochen Hallanzy. Denn auch im 178. Jahr des Bestehens der Schule ist sicher: Die Notwendigkeit der Einrichtung ist unbestritten. Verändert haben sich allerdings die Methoden der Therapie und der Pädagogik und auch Kinder und Jugendliche mit einer Sprachstörung haben hier längst ihren Platz gefunden. Mit Kindergarten und Schule in Wilhelmsdorf und Kindergärten in Rengetsweiler (Kreis Sigmaringen) und Owingen (Bodenseekreis) verfügt man über feste Standpfeiler in eine Welt, die für mache Menschen zum Problem werden kann. Nämlich dann, wenn das Geschehen in der Umwelt akustisch außen vor bliebt oder wenn die eigene Sprache nicht verständlich ist.


Teilweise kommen die Schüler von weit her. Sie können, wenn gewünscht, auch in einem Internat untergebracht werden. Und so war es kein Wunder, dass die Kennzeichen der unzähligen Autos der Besucher auch aus dem benachbarten Bayern stammten. Auch viele Ehemalige nutzten die Gelegenheit, sich einmal wieder in ihrer alten Schule umzusehen. Und die hatte eine Menge zu bieten.


Kreative Angebote sorgten ebenso wie Geschicklichkeitsspiele für viel Spaß. Wer wollte, der konnte mittels einer historischen Druckerpresse eben den Psalm drucken, der den Fortbestand der damaligen „Taubstummenanstalt" gesichert hat. Sogar Witze in Gebärdensprache gab es und an der Übersetzung von „Atemlos" in Gebärden mittels eines Video-Films hätte sicher auch Helene Fischer ihre Freude gehabt. Können Hörgeschädigte einen Tanz vorführen? Diese Frage stellten sich so manche Besucher, die als Außenstehende zum Fest gekommen waren. Die Antwort war eindeutig: Es geht. Man muss nur wissen wie. Der Beweis dafür wurde sowohl bei der Festeröffnung als auch nachmittags auf dem Sportplatz angetreten. Und auch das machte deutlich: Wer Probleme mit dem Hören oder der Sprache hat, der muss kein Außenseiter sein. Wie sagte ein Vater: „Mein Sohn fühlt sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, auch wenn er nichts hört. Hier hat man ihm nicht nur geholfen, man hat ihm auch Selbstbewusstsein gegeben." Und das war überall zu spüren. Selbst wenn sich junge Mädchen in Gebärdensprache unterhielten taten sie es mit einem Blick der deutlich machte: Ich bin wer.