Titelbild


Roter Schal verbindet Welten

22.05.2012 | von Katharina Stohr

Das weitgehend gehörlose Filmteam von „Der rote Schal“ stand in der Linse hörenden Schülern aus Ravensburg und Weingarten Rede und Antwort. Unterstützt wurden sie dabei von einer Dolmetscherin, die alles in Gebärdensprache übersetzte. Von links: Gebärdendolmetscherin Sabine Ailinger, Hans-Peter Lübke, Kunstlehrer am Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf, Daniel Kaufmann, Miriam Bauknecht, Linda Romer, Anita Muharemi

Hörend trifft Gehörlos: Auf reges Interesse ist der Film „Der rote Schal" am 10. Mai 2012 in der Linse in Weingarten gestoßen. Über 100 Schülerinnen und Schüler aus Ravensburger und Weingartener Schulen waren der Einladung des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen, anlässlich des 175-jährigen Jubiläums, gefolgt. Im Mittelpunkt: der neuneinhalb-minütige und mehrfach preisgekrönte Film und dessen Akteure des Hör-Sprachzentrums, die auf der Bühne saßen und mit dem Publikum diskutierten.

Die hörende Vera und der gehörlose Richard lernen sich über einen Chat kennen. Sie verabreden sich in der Bücherei, wo es zu Missverständnissen kommt. Denn Vera weiß nicht, dass Richard gehörlos ist und sich nur über Gebärden verständigen und nicht laut sprechen kann. Die junge Frau taucht im weiteren Verlauf des Films in die gehörlose Welt von Richard ein und lernt, ihn zu verstehen. Dass der Film dabei plötzlich auf Stummfilm umschwenkt zeigt Wirkung: „Damit kann man sich vorstellen, wie es ist, wenn man nicht hören kann", meinte eine junge Zuschauerin im anschließenden Austausch mit den Filmemachern, der von einer Gebärdendolmetscherin unterstützt wurde.
In die Welt der Gehörlosen schauen zu lassen und diese zu verstehen ist ein Anliegen, welches das Filmteam rund um den Kunstlehrer Hans-Peter Lübke bewegt. 25 Schülerinnen und Schüler des Hör-Sprachzentrums hatten am Film mit gewirkt, die Idee stammte von der schwerhörigen Linda, der schon einmal Ähnliches widerfahren ist. „Ich lebe in zwei Welten", sagt sie, „eine gehörlose und schwerhörige Welt und die andere, die hörende Welt". Schon oft hat die 15jährige erfahren, wie anstrengend es ist, wenn sie ihre hörenden Mitmenschen nicht versteht und dass diese genervt reagieren können, wenn sie in einer Unterhaltung nochmals nach fragt.
Doch wie miteinander ins Gespräch kommen, wenn der eine gebärdet, also kombiniert mit Händen, Mimik und lautlos gesprochenen Worten kommuniziert, und der andere laut spricht? „Das ist ganz einfach", lässt die gehörlose Projektassistentin Anke Trostel wissen: „Man kann auf ein Blatt Papier alles aufschreiben". Und als weitere Tipps: „Man muss Blickkontakt herstellen und langsam sprechen. Wer es versucht, der kann es auch. Kommunikation ist möglich, man muss nur wollen und anfangen!" Dies bekräftigt Ursula Belli-Schillinger, Fachliche Geschäftsführerin des Hör-Sprachzentrums: „Die zwei Welten können gut zusammen kommen", sagt sie, „es geht immer darum, dass man sich füreinander interessiert und sich in die Welt des anderen begibt".
Egal ob hörend oder gehörlos - für Hans-Peter Lübke gibt es nur eine Welt: „Nur in unserem Kopf machen wir die verschiedenen Welten", sagt er. Davon ist Anke Trostel ebenfalls überzeugt: „Alle Menschen sind gleich! Egal ob hörend oder taub."

Info: Der Film „Der Rote Schal" ist auf youtube unter www.youtube.com/watch?v=piwR7erNgqQ zu sehen.