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Benachteiligte junge Menschen entdecken ihr Potenzial

19.11.2015 | von Rainer Kössl

Leopoldschule Altshausen im Gespräch mit Handwerk und Wirtschaft


Dass ihm sein überhaupt nicht deutsch klingender Name Nachteile bringen konnte, zum Beispiel dann, wenn Ausbildungsplätze zu vergeben sind, das hatte Hüseyin A.,Sohn türkischer Eltern, schon am eigenen Leibe erfahren müssen. Dass ihm aber an einem Abend gleich zwei Visitenkarten in die Hand gedrückt werden würden, die das Zeug dazu haben,ihm so etwas wie eine Karriere zu eröffnen, das hätte der junge Deutsch-Türke sich nicht zu träumen gewagt.

Ort des Geschehens war die Leopoldschule in Altshausen, auf der er vor nicht allzu langer Zeit seine Mittlere Reife abgelegt hatte. Eingeladen hatte das Forum Kirche–Wirtschaft in der Prälatur Ulm zu einem Rundgespräch über das Thema „Gemeinsam stark im Beruf! Talente junger Menschen entdecken und fördern." Eingeladen waren Vertreter aus Wirtschaft, weiterführenden Bildungseinrichtungen, Kirche, Diakonie und Sonderschulen zu einem Erfahrungsaustausch darüber, wie jungen Menschen mit Handicaps Wege in ein erfülltes Berufsleben eröffnet werden könnte. Anders gesagt: wie sich Industrie, Handwerk und soziale Institutionen das Potenzial dieser jungen Menschen zunutze machen könnten.

Zwei ehemalige- und ein noch aktiver Schüler der Leopoldschule stellten sich der Runde vor. Sam S. zum Beispiel: Er ist, „schon" muss man sagen, 17 Jahre alt. Am Ende dieses Schuljahres wird er die Werkrealschulprüfung ablegen und im Sommer 2016 eine Ausbildung als Industriemechaniker bei der Firma Claas in Bad Saulgau antreten. Vor Jahren hatte die Situation noch gar nicht so rosig ausgesehen: Noten eher unter als über vier, Austritt aus dem Fußballverein. Null-Bock auf der ganzen Linie. Was ihm die Rettung aus dem Abwärtsstrudel ermöglichte, und dies ist ein Herzensanliegen von Monika Boschert-Rittmeyer, der Leiterin der Leopoldschule, dies ist Zeit, Zeit und nochmals Zeit. Sam machte seinen Hauptschulabschluss erst nach der 11. Klasse, mit Belobigung wohlgemerkt und tritt jetzt mit genügender Qualifizierung und Selbstvertrauen in die Berufswelt ein.

Oder Martin W., inzwischen geschätzter Mitarbeiter bei der Firma Stadler in Altshausen. Mittlere Reife, Ausbildung zum Technischen Zeichner, Fachhochschulreife und jetzt im Augenblick Studium „Maschinenbau – Konstruktion und Entwicklung" an der Dualen Hochschule Ravensburg -Friedrichshafen. Martin ist zufrieden mit sich und der Welt. Und die Welt mit ihm. Aber er hat lernen müssen mit zwei nicht unerheblichen körperlichen Einschränkungen zu leben: Er stottert und er musste lernen mit einem leichten Spasmus zu leben, der ihm das Gehen erschwert.

Und dann nochmals Hüseyin. Nach der Mittleren Reife machte er ein freiwilliges soziales Jahr beim Rettungsdienst des Roten Kreuzes. Fachhochschulreife und jetzt Ausbildung zum Kontruktionsmechaniker bei der Firma Aluline in Bad Saulgau schlossen sich an.

Und jetzt die Geschichte mit den beiden Visitenkarten. Die eine wurde ihm von Prof. Dr. Axel O.Kern von der Hochschule Ravensburg-Weingarten überreicht. Mit der Einladung sich ein Projekt der Hochschule, „Bau eines F 1 – Autos" anzuschauen. Im übrigen, so der Professor zu Hüseyin A., wenn er mal studieren wolle, er dürfe sich vertrauensvoll an ihn wenden.

Genau dasselbe bot ihm auch ein anderer an. Jürgen Joos, Personalleiter bei Liebherr in Ehingen und als solcher zuständig für 4000 Mitarbeiter rund um die Welt, bot ihm ebenfalls seine Visitenkarte an. Hüseyin solle seine Ausbildung fertig machen und sich dann an ihn wenden. Konstruktionsmechaniker brauche die Firma dringend. Er als junger Muslime mit einer qualifizierten beruflichen Ausbildung sei für Liebherr Gold wert. Für ein Megaprojekt der Firma zum Beispiel auf der Halbinsel Sinai zum Bau von Riesenschirmen.

Ein Ergebnis dieser Veranstaltung war sicher die Erkenntnis: Junge Menschen mit Behinderungen der verschiedensten Art stehen vor der schwierigen Aufgaben, sich von der Fixierung auf diesen Zustand zu lösen. Dann aber, wenn ihnen dies gelungen ist und sie zudem spüren, was an Potenzial in ihnen steckt, dann können sie Wege gehen, die ihnen Sam, Martin und Hüseyin gerade vormachen.