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Wie beten die denn?!

26.05.2015 | von Sarah Benkißer

Beten mit den Händen: Michael Kachler, Pfarrer Ernest Ahlfeld, Christof Lotthammer von den Zieglerschen, Manfred Nasal und Hannelore Retzer (v.l.) zeigen, wie’s geht. Diese Gebärde bedeutet „Vater“. / Foto: Die Zieglerschen

Wie in Kirchengemeinden die Inklusion von Menschen mit Behinderung gelingen kann, kann man im oberschwäbischen Wilhelmsdorf erleben – oder beim Kirchentag in Stuttgart am Stand der Zieglerschen erfahren.

Wer einen Gottesdienst in der pietistischen Brüdergemeinde in Wilhelmsdorf besucht, der wird spätestens beim Vaterunser stutzig: Da steht Pfarrer Ernest Ahlfeld vorne am Altar und streckt drei Finger in die Luft. Dann beschreibt er vor sich einen waagrecht liegenden Kreis und deutet gleich darauf über dem Kopf ein Himmelsgewölbe an. Dazu spricht er die bekannten Worte: „Vater unser im Himmel…“ Und in den Bankreihen vor ihm geht ein Strahlen über die Gesichter einiger Gottesdienstbesucher.

Was für Außenstehende sonderbar aussieht, ist in Wilhelmsdorf Normalität: Denn hier gehören Menschen mit einer geistigen und gleichzeitiger Hör-Sprachbehinderung einfach dazu. Sie kommunizieren mithilfe von „lautsprachbegleitenden Gebärden“ aus der Gebärdensammlung „Schau doch meine Hände“, bei der im Gegensatz zur komplexen und schwerer zu erlernenden „Deutschen Gebärdensprache“ (DGS) einfach einzelne gesprochene Wörter durch eine Handbewegung unterstützt werden. Sie wohnen und arbeiten in Einrichtungen des diakonischen Sozialunternehmens „Die Zieglerschen“ und sind – trotz ihrer zum Teil massiven Kommunikationseinschränkungen –  in die Gemeinde integriert. Keine Selbstverständlichkeit, obwohl „Inklusion“ mittlerweile in aller Munde ist. Dass die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft auch für die Kirche relevant ist, das kann man in Wilhelmsdorf unmittelbar erleben. Und beim Kirchentag vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart machen die Zieglerschen „Inklusion im Gottesdienst“ zum Thema an ihrem Stand auf dem Markt der Möglichkeiten sowie in drei Gebärden-Workshops im Diakonie-Viertel rund um die Leonhardskirche und in einem der Themenzelte im Neckarpark.

 

"Und führe uns nicht in Versuchung" – Die Gebärden aus der Sammlung "Schau doch meine Hände an" erleichtern Menschen mit geistiger und gleichzeitiger Hör-Sprachbehinderung die Kommunikation, auch im Gottestdienst. / Foto: Die Zieglerschen

 

„Dass das Vaterunser mit Gebärden begleitet wird, ist bei uns der Standard. Oft machen wir auch einen kurzen Gebärdenteil vor der Predigt“, berichtet Ernest Ahlfeld, der seit 2011 evangelischer Pfarrer in Wilhelmsdorf ist. Und wozu? „Ich geh jeden Sonntag in den Gottesdienst. Gottesdienst ist mir wichtig. Ich gehöre zur Brüdergemeinde dazu“, sagt Michael Kachler, der im ambulant betreuten Wohnen der Zieglerschen lebt. Kachler deutet damit den entscheidenden Punkt an: Dazugehören, oder eben „Inklusion“. Er selbst kann hören und sprechen. Aber ein großer Teil der rund 490 Menschen mit Behinderung, die an den Standorten Wilhelmsdorf und Haslachmühle der Zieglerschen leben, ist auf die sogenannte „gebärdenunterstützte Kommunikation“ (GUK) angewiesen. Für sie sind die Gebärden die Möglichkeit, beim Gottesdienst nicht nur anwesend, sondern wirklich dabei zu sein. Pfarrer Ernest Ahlfeld: „Man muss nicht den gesamten Gottesdienst gebärden, es geht einfach um das Signal an die Menschen: Ihr werdet gesehen! Das macht einen Gottesdienst für sie wertvoll.“

Dass das Thema auch für andere Kirchengemeinden im Land relevant ist, hängt mit den politischen Veränderungen durch die Inklusionsdebatte zusammen. Christof Lotthammer ist Bereichsleiter und zuständig für das geistliche Leben an den mittlerweile 11 Standorten der Behindertenhilfe der Zieglerschen. Er erklärt: „Große Träger der Behindertenhilfe wie die Zieglerschen befinden sich in einem Prozess der „Dezentralisierung“. An die Stelle der großen „Komplexstandorte“ sollen in den nächsten Jahren viele kleine, wohnortnahe Angebote treten. Das heißt, Menschen mit Behinderung werden an viel mehr Orten als bisher präsent sein. Und sie haben einen Anspruch darauf, auch dort dazuzugehören: sei es im Sportverein oder eben in ihrer Kirchengemeinde. Barrierefreiheit ist dabei mehr als ein rollstuhlgerechter Zugang. Auch Kommunikationsbarrieren müssen fallen, damit Menschen mit Behinderung an der Gemeinschaft teilhaben können.“ In Wilhelmsdorf, wo seit rund 180 Jahren Menschen mit Hör- Sprachbehinderungen betreut werden, hat man darin Erfahrung. Christof Lotthammer: „Unsere Erfahrungen – auch von unseren schon bestehenden dezentralen Standorten – bringen wir zum Kirchentag nach Stuttgart mit um sie zu teilen.“

 

Die Zieglerschen beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart:
  • Markt der Möglichkeiten (Neckarpark): Stand B02 / Halle 7
  • Gebärden-Workshops am Samstag, 6. Juni 2015:
    10:30 Uhr Diakonieviertel Innenstadt, Zelt „Inklusion“
    13:30 Uhr Diakonieviertel Innenstadt, Zelt „Inklusion“
    16:30 Uhr Neckarpark, Themenzelt 3