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Vom Allgäu in die Ravensburger Vesperkirche

04.02.2014 | von Harald Dubyk
August Zeiler
August Zeiler kommt mehrmals in der Woche in die Ravensburger Vesperkirche. Foto: Katharina Stohr

August Zeiler kommt seit Jahren regelmäßig in die Vesperkirche

Seit 2010 kommt August Zeiler regelmäßig in die Ravensburger Vesperkirche. Mehrmals in der Woche, immer mit dem Fahrrad. Dann sitzt er meist am selben Platz, isst, schaut und spricht ein wenig mit den Menschen. Ruhig, gelassen, ja, fast stoisch. Der 57-Jährige, der zwischen Wangen und Leutkirch lebt, ist auch ein Gesicht der Vesperkirche, die noch bis 16. Februar geöffnet hat.

Zwei Nussecken liegen vor ihm. Genüsslich kaut er das süße Gebäck. Das Treiben der Ravensburger Vesperkirche lässt er vorüberziehen. Ein Markenzeichen von ihm: der rauschige Bart in seinem Gesicht. Sein anderes Markenzeichen steht draußen vor der Kirche: ein dick bepacktes Fahrrad. Auffallend der Plastiksack mit den vielen Plastikflaschen, der irgendwie am Fahrrad hängt. „Essen", sagt August Zeiler, „ja, eigentlich esse ich hier nur." Vor allem der Kuchen habe es ihm angetan. Oder heute eben die Nussecken. Wieder schiebt er ein Stück in seinen Mund, kaut langsam, schaut und lächelt ein wenig.

Heute ist August Zeiler von Leutkirch nach Ravensburg geradelt. Über 40 Kilometer, knapp zwei Stunden war er unterwegs. Bei guten Bekannten habe er zuvor übernachtet. Er selbst lebt im Haus der Eltern, irgendwo hinter Wangen. Das habe er geerbt, besitze das alleinige Wohnrecht, wie er betont. Sein Leben spielt sich hauptsächlich auf dem Fahrrad ab, irgendwo unterwegs zwischen dem Schussental und dem Allgäu. „Bis zu 70 Kilometer bin ich am Tag mit dem Rad unterwegs", erzählt er. Wenn er mit dem Rad unterwegs ist, sammelt er alle Plastikflaschen auf, die er am Wegesrand findet. Dafür bekommt er Pfand. 3500 Euro kämen da im Jahr zusammen. Er selbst benötige nicht mehr als 40 Euro - „im Monat", betont August Zeiler. Damit das funktioniere, habe natürlich auch was dem günstigen Essen der Vesperkirche zu tun oder mit dem Angebot von Tafelläden im Allgäu, von denen er einen Berechtigungsausweis besitzt.

August Zeiler ist ein Grenzgänger. Mit 30 hat er beschlossen, nicht mehr zu arbeiten. Der gelernte Landmaschinenmechaniker wollte geistig wie körperlich fit bleiben. „Ich möchte 107 Jahre alt werden", sagt er, ein wenig grinsend. In der Tat. Seine 57 Jahre sieht man ihm nicht an, hager seine Gestalt, sein Gesicht hat sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt. Kein Wunder, nach fast drei Jahrzehnten auf dem Rad. 15 Fahrräder besitzt August Zeiler. „Für jede Gelegenheit ein Spezielles", sagt er. Dazu stehen zwei alte Motorräder bei ihm zu Hause, die er derzeit aber nicht mehr bewegt. „Mit 65 werde ich wohl wieder mit denen fahren."

„Mein Leben ist so gekommen", berichtet er. Wichtig ist ihm, dass er finanziell unabhängig ist. Soziale Leistungen nehme er nicht in Anspruch. Mit den Einnahmen aus den Pfandflaschen komme er gut aus, ja, er spare sogar das meiste. „Wer Pfandflaschen sammelt, hat eigentlich immer Geld", sagt August Zeiler. Und wer Sozialleistungen beziehe, bei dem werde in der Regel am 20. eines Monats das Geld knapp und müsse sich spätestens am 25. eines leihen. Über 13.000 Glaspfandflaschen hat er bei sich zu Hause gelagert. Wenn das Flaschenpfand mal steige, werde er sie zu Geld machen, sagt er. Auch ein Geschäftsmodell. Selbst das Geld für den Schornsteinfeger spare er sich. So besitzt er ein Indianer-Tipi neben seinem Haus, in dem er kocht. Im Haus selbst werde der Schornstein nicht benutzt.

Am Ende des Gesprächs zeigt er ein wenig stolz seine beiden handgeschriebenen Romane. Ihre Titel: „Vom Bienenstock ins Wespennest", eine Zukunftsgeschichte, und der Allgäu-Krimi „Die Pfennigfuchserin". In der Tat: August Zeiler hat viele Talente. Inzwischen ist es kurz vor drei. Gleich schließt die Ravensburger Vesperkirche ihre Pforten. Der letzte Bissen von der Nussecke ist unten. Flink packt August Zeiler seine Taschen, hängt sie irgendwie um sich und über sein Fahrrad. Schwer beladen schiebt er sein Rad die Treppe vor der Kirche hoch, steigt auf, winkt und fährt los. „Bis zum nächsten Mal", sagt er zum Abschied.

Wer die Ravensburger Vesperkirche von Diakonischem Werk Ravensburg und den Zieglerschen aus Wilhelmsdorf unterstützen möchte, kann das über folgendes Spendenkonto: Stichwort „Vesperkirche" Spendenkonto 77 95 600, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 601 205 00.