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Verband der Komplexeinrichtungen der Behindertenhilfe Baden-Württemberg ist gegründet

09.01.2014 | von Harald Dubyk
Harald Rau
Mitglied im fünfköpfigen Vorstand: Prof. Dr. Harald Rau

Traditionsreiche Komplexeinrichtungen der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg, darunter die Zieglerschen aus Wilhelmsdorf und die Stiftung Liebenau aus Meckenbeuren, haben sich zum Jahreswechsel zu einem Verband zusammengeschlossen. Der Verband nimmt die Interessen von schwer- und mehrfachbehinderten Menschen sowie der Träger von Komplexeinrichtungen gegenüber der Gesellschaft, der Politik und den anderen Verbänden wahr.

„Die Initiative - Verband der Komplexeinrichtungen der Behindertenhilfe Baden-Württemberg e.V." mit Sitz in Reutlingen ist am 20. Dezember 2013 durch insgesamt 12 baden-württembergische Groß- und Komplexeinrichtungen gegründet worden. In den Diensten und Einrichtungen der Verbandsmitglieder finden derzeit in Baden-Württemberg rund 10.000 Menschen mit häufig schweren und kombinierten Behinderungen ein ausdifferenziertes und umfassendes Angebot. Der Verband ist aus dem bisherigen „Initiativkreis Komplexeinrichtungen" hervorgegangen und verfolgt unter anderem Ziele wie die Mitwirkung an der Weiterentwicklung der Versorgungsangebote für Menschen mit geistigen und Mehrfachbehinderungen, auch unter dem Blickwinkel der Anforderungen der im Jahr 2009 von der Bundesrepublik Deutschland ratifizierten UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Zu den Gründungsmitgliedern gehören unter anderem die Zieglerschen aus Wilhelmsdorf.

Die Mitglieder des Verbandes haben im Rahmen der Verbandsgründung besonders betont: „Für Menschen mit komplexem Hilfebedarf und hohem Versorgungsbedürfnis sind die Komplexeinrichtungen zur „Heimat" geworden. Neben vielfältigen ambulanten und regionalen Angeboten halten die Komplexträger nach wie vor an ihren jeweiligen Zentralstandorten ein ausdifferenziertes Angebot vor, um die notwendigen Hilfen umfassend erbringen zu können." Gerade für Menschen mit Behinderungen, denen die nötige Verkehrssicherheit fehle und die nur eingeschränkt orientiert seien, stellten die Komplexstandorte ein höheres Maß an Lebensqualität sicher.

Der Ausbau dieser Einrichtungen geschah in einem großen, jahrzehntelang bestehenden Konsens zwischen den Menschen mit Behinderungen, ihren Angehörigen, den Einrichtungsträgern und der Sozialpolitik. Bei dem grundsätzlich notwendigen und jetzt bereits in Gang befindlichen Übergang in die dezentrale Hilfegestaltung müssen aber insbesondere die Interessen und Bedürfnisse der davon betroffenen Menschen berücksichtigt werden. So werden auch in Zukunft ausdifferenzierte Angebotsstrukturen und gut ausgebildete Fachkräfte benötigt. Der Verband warnt eindringlich davor, die bestehenden Strukturen einfach aufzugeben, ohne vorher jene dezentralen Strukturen aufzubauen, mit denen die vielfältigen Hilfebedarfe auch tatsächlich abgedeckt werden können.

Menschen mit einem Unterstützungsbedarf droht in der bisher nur politisch geplanten, gemeindenahen Versorgungsstruktur die Gefahr, dass sie keine ausreichenden oder für sie passenden Plätze und Kompetenzen mehr finden werden. Damit könnte ihr gesetzlicher Anspruch auf angemessene Versorgung sowie deren Versorgungs-Wahlrecht leerlaufen, denn der Aus- und Aufbau geeigneter dezentraler Hilfestrukturen ist bis jetzt nur minimal oder überhaupt noch nicht in Angriff genommen worden. Gerade die Menschen, welche die besondere Sorge und die besonderen Unterstützung der Gesellschaft am dringendsten brauchen, werden so zu „Inklusionsverlierern".

Deshalb fordert der Verband, die Eingliederungshilfe unter den Maßgaben der UN-Behindertenrechtskonvention auf Bundes- und Landesebene weiterzuentwickeln, aber auch eine angemessene Ausstattung der Dezentralisierungsprojekte der Komplexeinrichtungen mit finanziellen Fördermitteln. Nur so könnten die bisherigen Versorgungsstrukturen hin zur gemeindenahen Versorgung mit professionellen Angeboten erfolgreich vollzogen werden.

Der Verband wird im ersten Halbjahr 2014 mit sämtlichen Beteiligten aus Politik, der Verbände und weiteren regionalen Träger, welche allesamt zum fachlichen Netzwerk der Behindertenhilfe zählen, das Gespräch aufnehmen, um die bereits begonnene gemeinsame Suche nach Lösungsansätzen weiter zu verstärken.

Info:
Zum Kreis der Mitglieder des Verbands zählen: Diakonie Kork, Diakonie Stetten, Die Zieglerschen, Evangelische Stiftung Lichtenstern, Johannes-Diakonie Mosbach, Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach, LWV Eingliederungshilfe, Mariaberg, Sonnenhof, St. Josefshaus Herten, Stiftung Liebenau und Stiftung Haus Lindenhof. Dem 5-köpfigen Vorstand des neuen Verbands gehören Pfarrer Rainer Hinzen (Diakonie Stetten)als geschäftsführender Vorstandssprecher, Dr. Hanns-Lothar Förschler (Johannes-Diakonie Mosbach), Jörg Munk (Stiftung Liebenau), beide weitere Vorstandssprecher, sowie Prof. Dr. Harald Rau (Die Zieglerschen) und Jürgen Kunze (Stiftung Haus Lindenhof).