Titelbild


Professionalisierung und Inklusion als Herausforderung

16.06.2014 | von Sarah Benkißer
Prof. Dr. Harald Rau bei Regio TV
Prof. Dr. Harald Rau im Gespräch mit Rolf Benzmann - Foto Regio TV

Prof. Dr. Harald Rau im Interview mit regioTV

»Die ‚Professionalisierung des Menschlichen‘ - ist das überhaupt möglich?« fragte Rolf Benzmann in »Chefsache« auf regioTV und Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, stand ihm Rede und Antwort (Interview anschauen).

 

Herausforderung für die Mitarbeitenden
Die Zieglerschen mit Sitz im oberschwäbischen Wilhelmsdorf beschäftigen über 3.000 Menschen in fünf Hilfearten und im Servicebereich. Die fortschreitende Professionalisierung der Pflegeberufe fordere vor allem die Mitarbeitenden heraus, sagte Rau. Diese wollten für die Menschen da sein, würden aber beispielsweise durch den stetig größer werdenden Dokumentationszwang immer mehr reglementiert. Gleichzeitig steige auch der wirtschaftliche Druck auf soziale Unternehmen. »Wir müssen am Markt sein«, bestätigte Rau, aber dort habe auch ein großer Träger wie die Zieglerschen immer mehr zu kämpfen.

Inklusion nicht ideologisch festlegen

Beim Thema Inklusion - der uneingeschränkten Teilhabe aller Menschen mit und ohne Behinderung an der Gesellschaft - überraschte Prof. Dr. Rau seinen Interviewer damit, dass er sich nicht komplett auf die Seite der Befürworter stellte. Er spreche sich für beide Ansätze aus - für die Förderung von Integration und für die Beibehaltung von Spezialeinrichtungen. Man dürfe Inklusion »nicht politisch und ideologisch festlegen«, so Rau. Die Zieglerschen versuchten, das ganze Spektrum zu bieten, denn Menschen hätten unterschiedliche Hilfebedarfe. Wer beispielsweise zusätzlich zu einer geistigen auch eine Hör-Sprachbehinderung habe, für den sei der Kontext einer Spezialeinrichtung, wo durch den Einsatz von Gebärden auch das Kommunikationsproblem gelöst werden könne, der bessere. Die Tendenz, im Zuge der Inklusion alle Spezialeinrichtungen abzuschaffen, sähen die Zieglerschen mit Sorge, so Rau weiter. Die Fachlichkeit beispielsweise einer Sonderschule, die auf eine bestimmte Form der Behinderung ausgerichtet sei, könne eine Regelschule niemals bieten. Prof. Dr. Rau zeichnete im Gespräch eindrücklich das Bild einer Schulklasse, in der neben den Regelschülern mehrere Kinder mit verschiedenen Behinderungen säßen, jedes mit einem eigenen Betreuer. Das sei schon aus finanzieller Sicht gar nicht umsetzbar. »Echte Inklusion ist teurer als die Spezialeinrichtung«, so Rau.

Menschen, die sich für Menschen engagieren
Zum Schluss fragte Rolf Benzmann Prof. Dr. Rau dann noch, was für Leute die Mitarbeitenden der Zieglerschen denn allgemein seien. Immerhin über 3.000 Menschen arbeiten in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Zieglerschen, die ihren Hauptsitz in Wilhelmsdorf haben und in zehn Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg mit Einrichtungen der Alten-, Behinderten-, Jugend- und Suchthilfe, des Hör-Sprachzentrums und mit Dienstleistungen vertreten sind. Auch wenn man nicht alle über einen Kamm scheren könne, so Prof. Dr. Raus Antwort, so könne man doch von durchweg idealistischen Menschen sprechen. In den Zieglerschen arbeiteten Menschen, die sich für andere Menschen engagieren möchten.