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Erfolgreiche Podiumsdiskussion in Leichter Sprache

28.08.2013 | von Christof Schrade
Podiumsdiskussion Publikum
Konstruktiver Dialog: Angriffe auf den politischen Gegner blieben aus, es ging um die Anliegen von Menschen mit und ohne Behinderung. Foto: Jürgen Schmale, Die Zieglerschen.

„Menschen mit einem Rollstuhl müssen auch in Zügen und Bussen mitfahren können", sagt die CDU in ihrem Wahlprogramm in Leichter Sprache. Und die Linke findet: „Alles soll so sein, dass Menschen mit Behinderung alles gut benutzen können. Zum Beispiel Straßen, Häuser oder Busse. Aber auch Informationen und Bücher. Das nennt man „Barriere-Freiheit". Die Grünen sagen: „Niemand darf ausgeschlossen werden. Dann kann jeder ein gutes und sicheres Leben haben". Sie klingen so gar nicht nach Politikersprache, diese Sätze. Sie stehen auch nicht in den „offiziellen" Wahlprogrammen der Parteien, sondern in denen in „Leichter Sprache": In Wilhelmsdorf haben sich die Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl mächtig angestrengt, so zu reden, dass alle Besucher im Bürgersaal verstehen konnten, was gemeint war. In den Zieglerschen ist es schon eine Tradition, vor Landtags- oder Bundestagswahlen solche Podiumsdiskussionen zu veranstalten.

Gut gefüllt war der Bürgersaal am Montag. Menschen mit und ohne Behinderung saßen zusammen – aber das ist in Wilhelmsdorf ja ohnehin Alltag. Bürgermeister Dr. Hans Gerstlauer hat sich darauf längst eingestellt. Er versteht es, in ganz einfachen Worten und in kurzen Sätzen so zu Menschen mit und ohne Behinderung zu reden, dass wirklich die meisten ihn verstehen und alle sich ernst genommen wissen. „Arbeit, Feste, Sport: wir machen alles gemeinsam in Wilhelmsdorf“, erklärte Gerstlauer den angereisten Kandidaten. Man kann über das große Thema Inklusion auch sehr viel komplizierter reden, und die meisten Experten tun das auch. Man kann es aber auch so einfach und so treffend sagen wie der Wilhelmsdorfer Bürgermeister.

Die beiden Abgeordneten Andreas Schockenhoff für die CDU und Agnieszka Brugger für die Grünen, die wieder in den Bundestag wollen, waren gekommen. Für den erkrankten SPD-Kandidaten Hannes Munzinger saß Otto Ziegler aus Isny auf dem Podium. Die Linke vertrat ihr Wahlkreiskandidat Michael Konieczny. Bald setzte sich die Erkenntnis durch, die der Linken-Kandidat sehr ehrlich formulierte: „Ich bin überrascht, dass Arbeit und Entlohnung bei Menschen mit Behinderung so ein wichtiges Thema sind“. Wer geglaubt hatte, auf dem Podium oder im Publikum, dass Menschen mit Behinderung in einer anderen Welt leben, konnte dazu lernen. Menschen mit Behinderung und damit  auch Menschen mit geistiger Behinderung, zählen nicht zu den Reichen im Land. Wer keinen Führerschein machen kann und sich kein Auto kaufen kann, muss Bus und Bahn fahren. Wer nicht viel verdient, interessiert sich für das Thema „Mindestlohn“. Wer gerne aus dem Heim ausziehen möchte in eine eigene Wohnung in der Stadt, muss erst mal bezahlbaren Wohnraum finden. Es sind also nicht die Themen, die anders sind. Menschen mit geistiger Behinderung beschäftigen sich mit denselben Alltagsproblemen und erwarten genauso Lösungen von der Politik wie Menschen ohne Behinderung. Der Unterschied liegt eher darin, dass Menschen mit Behinderung nicht ohne weiteres in einem Raum mit hundert Leuten aufstehen, sich ein Mikrofon schnappen und den Kandidaten mal so richtig auf den Zahn fühlen. Andreas Schockenhoff, der in den Zieglerschen schon sehr viele Einrichtungen besucht hat und mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen ist, forderte daher auch, nicht nur mit dieser Art von Podiumsdiskussionen weiter zu machen, sondern nach neuen Formen zu suchen, „bei denen man besser ins Gespräch kommt“.

Dabei kann Uwe Fischer von den Zieglerschen durchaus auf positive Entwicklungen verweisen. Wahlprogramme in leichter Sprache liegen heute von den meisten Parteien vor, Broschüren und Filme in leichter Sprache machen politische Themen für Menschen mit Lernschwierigkeiten aber auch für Menschen mit anderen Sprachbarrieren verständlich.  Als sehr  hilfreich erwiesen sich für die Wilhelmsdorfer Podiumsdiskussion Schulungsveranstaltungen in der OWB in Ravensburg und in Wilhelmsdorf mit der Überschrift „Politik.Einfach.Verstehen.“ Experten von Capito – barrierefreie Kommunikation erklärten dort, wie die Bundestagswahl funktioniert. Es wurden auch Fragen gesammelt, die anschließend Moderatorin Karin Kießling stellvertretend für die Teilnehmer einbrachte. Die Kandidaten auf dem Podium wurden von Capito vor der Podiumsdiskussion für die Veranstaltung in leichter Sprache vorbereitet. Dieses Konzept, das die Bundeszentrale für Politische Bildung fördernd unterstützt, wird an fünf weiteren Standorten in Deutschland umgesetzt.

Uwe Fischer, der in den Zieglerschen schon mehrfach solche Veranstaltungen organisiert hat, zog ein positives Fazit: Menschen mit und ohne Behinderung hätten engagiert mitdiskutiert, die Kandidatinnen und Kandidaten stellten sich von mal zu mal besser auf die Zielgruppe ein, sowohl was die Themen als auch was die Sprache betreffe. Alle Partner sind sich einig, dass mit den gemachten Erfahrungen auch eine gute Grundlage für die weitere der Verbesserung der politischen Teilhabe für Menschen mit Behinderung geschaffen wurde.



Agnieszka Brugger (Grüne) im Gespräch mit einem Besucher. Willi Hiesinger, Kaufmännischer Geschäftsführer des Hör-Sprachzentrums, sprach Finanzierungsprobleme an. Uwe Fischer; Organisator der Podiumsdiskussion.
Bilderstrecke: Podiumsdiskkussion Bundestagswahl 2013 (7 Bilder).