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Neuer Denkort am Ravensburger Erinnerungsweg für Euthanasieopfer

28.05.2014 | von Katharina Stohr
Denksteinenthüllung
Enthüllten gemeinsam den neuen Denkort am Ravensburger Erinnerungsweg in Wilhelmsdorf: v.l. Prof. Dr. Wolfgang Marcus, Beauftragter des Kuratoriums für das Denkstättensekretariat, Historikerin Inga Bing-von Häfen, Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, Pfarrer Ernest Ahlfeld, Ev. Brüdergemeinde, Rolf Baumann, Kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen, Dr. Hans Gerstlauer, Bürgermeister Wilhelmsdorf. Foto: Katharina Stohr

Zieglerschen enthüllen Gedenktafel für 19 ehemalige Pfleglinge der Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf


„Berührt und betroffen" - diese beiden Worte waren am häufigsten zu hören, als jüngst die neue Gedenktafel am Ravensburger Erinnerungsweg für Euthanasieopfer in Wilhelmsdorf enthüllt wurde. Im März 1941 stiegen 19 Menschen mit Behinderung aus der damaligen Taubstummenanstalt und heutigen Behindertenhilfe der Zieglerschen in den seinerzeit typischen grauen Bus. Die Fahrt endete im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weinsberg, den Pfleglingen war laut Hitlers geheimem Erlass vom September 1939 der „Gnadentod" zugewiesen. Nur einer kehrte zurück.

So recht mochte der Sonnenschein an diesem Tag zunächst nicht zum Anlass passen. „Mit dieser Gedenktafel blicken wir in eine düstere Zeit zurück", sagte Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen. „Wir haben die Pflicht, die Erinnerung wach zu halten und wollen unseren 19 Wilhelmsdorfer Helden damit nahe sein." Diese Helden sollten weiterhin Einfluss auf Kultur und Gesellschaft haben und bedeuteten einen Auftrag in Oberschwaben und Wilhelmsdorf: „Lassen Sie uns diesen Auftrag annehmen."

Professor Dr. Wolfgang Marcus vom Denkstättenkuratorium NS Dokumentation Oberschwaben initiierte die Idee des Denkortes vor dem Haus Höchsten in Wilhelmsdorf. „Es freut mich, dass diese Tafel an der Straße Richtung Weißenau liegt", sagte er. Der Ravensburger Erinnerungsweg beginne oder ende in Wilhelmsdorf und führe weiter Richtung Ravensburg, Weingarten, Wangen, Leutkirch und Altshausen. In die andere Richtung gesehen, gehe der Denkort in den Sigmaringer Erinnerungsweg über. „Durch den Weg sind wir mit dem Schicksal vieler anderer verbunden." Angesichts der immer weniger werdenden Zeitzeugen motivierte er, gerade junge Menschen entsprechend in die Vergangenheit einzuführen, „um sehr hell und wach zu werden".

Es sei gut, dass auch Wilhelmsdorf eine Kultur der Erinnerns pflege, sagte Bürgermeister Dr. Hans Gerstlauer und forderte dazu auf, in der heutigen Zeit bei entsprechenden Entwicklungen nicht zu schweigen. Pfarrer Ernest Ahlfeld von der Ev. Brüdergemeinde ermutigte ebenso, Widerstand zu leisten, wenn Dinge genannt und angemahnt werden müssten.

Mit-Initiatorin des Denksteines war die Historikerin Inga Bing-von Häfen, die die Zerrissenheit des damaligen Hausvaters Heinrich Hermann aufzeigte. Hermann war ein entschiedener Gegner der Euthanasie und versuchte aus christlicher Überzeugung heraus, mutigen Widerstand gegen die nationalsozialistischen Euthanasie-Maßnahmen zu leisten. Seine Schützlinge konnte er jedoch nicht vor ihrem Schicksal bewahren.

Eine eigens angefertigte Skulptur des Kunstschmieds Peter Klink umrahmt die neue Denktafel, als zusätzlicher Sockel wurde eine zweistufige Betontreppe gegossen. „Früher befand sich an dieser Stelle eine Treppe, über welche die Pfleglinge bei ihrer Deportation vermutlich die Taubstummenanstalt verließen", erklärte Klink. 18 seitlich angebrachte schwarze Röhren sollen nun 18 nach unten laufende Menschen verdeutlichen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht wüssten, was mit ihnen geschehe. Eine Edelstahlröhre mit angedeutetem Auge läuft die Treppe hoch - diese stehe für den Pflegling, der wieder zurückkehrte.


Weitere Infos zu Denkorten an oberschwäbischen Erinnerungswegen: www.nsdoku-oberschwaben.de