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“Martin Luther goes Broadway” – der Reformator als Musical-Star

12.09.2012 | von Natalie Schlegel / Heiko Bräuning
Kinderchor HSZ
Die Kinder des Schulchors des Hör-Sprachzentrums Ravensburg

Wie ein Mönch noch nach 500 Jahren sprachbehinderte Kinder begeistern kann

„Ein Ohr muss rausgucken, ich möchte Eure schönen Ohren sehen!" Chorleiterin Ute Scherf-Clavel zeigt es vor und 43 Kinder versuchen, das mit ihren Kopfhörern und dem einen Ohr irgendwie hinzukriegen. Gar nicht so einfach, denn die Aufregung ist groß. Immerhin wird im Ravensburger Sprachheilzentrum heute eine echte CD aufgenommen, und die Kinder des Schulchors dürfen mitsingen!


Das Klassenzimmer im fünften Stock sieht deshalb wie ein Tonstudio aus. Kevin, Seyma und Johann stehen mit den anderen im Halbkreis um die drei Standmikrofone herum.
An einem Schultisch sitzt Andreas Claus an den Reglern der Aufnahmegeräte. Der Fünfzigjährige ist Verlagsleiter von cap-music und für die Aufnahmen heute mit ei-nem kleinen Transporter aus dem Schwarzwald angereist. „Ganz leise sein, nicht rascheln, nicht pupsen oder irgendwas...", die Kinder lachen, die Aufregung lässt langsam nach. Der kleine Verlag arbeitet oft mit Kindern und Jugendlichen zusam-men, das ist offensichtlich, und Heiko Bräuning weiß diese Erfahrung zu schätzen. Der leidenschaftliche Musiker ist Theologe und Seelsorger bei den Zieglerschen (ei-nem großen diakonischen Unternehmen mit Sitz in Wilhelmsdorf, das u.a. tätig ist in der Suchtkrankenhilfe, Behindertenhilfe, Jugendhilfe, Altenhilfe, Hör-Sprachhilfen), zu denen das Sprachheilzentrum in Ravensburg gehört. Er hat das Hörspiel über Martin Luther in nur wenigen Wochen komponiert. Der Reformator sitzt zuhause mit seiner Frau und den vielen Kindern beim Abendessen und erzählt aus seinem Leben. Die Erzählung wird von insgesamt zwölf Liedern ergänzt. Schauspieler sprechen die Tex-te und die Solisten wie Luther, der Kaiser oder der Papst singen. Viele Lieder sind für Kinder- und Erwachsenenchöre geschrieben, so wird aus dem Projekt ein Familien-und Kindermusical. Die Aufnahmen finden in ganz Deutschland statt, im Herbst er-scheint die CD. Es ist bereits das zweite Musical von Heiko Bräuning, an der Musik hängt das Herz des Pfarrers. Schon oft hatte er den Kinderchor des Sprachheilzent-rums bei Einschulungsgottesdiensten oder anderen Veranstaltungen gehört, war im-mer ganz ergriffen davon, dass diese Kinder trotz ihrer Sprachstörungen „wie die Rohrspatzen" singen können. Weil die Lehrerin Ute Scherf-Clavel weiß, wie wichtig Singen für alle - und besonders für „ihre" - Kinder ist, hat sie vor zwölf Jahren den Chor am Sprachheilzentrum gegründet. „Das Singen lockert. Über die Melodie erle-ben die Kinder Sprache ganz anders, Sprache nicht als Stress. Das Stottern zum Beispiel ist ja hauptsächlich deshalb vorhanden, weil die Kinder nicht wissen, was sie sagen sollen". Dieses Problem fällt beim Singen weg, weil der Text vorher bekannt ist und geübt werden kann. Nach einem kurzen Reinhören war die Lehrerin vom Projekt sofort begeistert und hat mit den Kindern in den letzten Monaten insgesamt sieben Lieder einstudiert. Auch zuhause wurde fleißig geübt. Jetzt singen die Chorkinder vom „Ritter hinter Gitter" oder brummeln wie Mönche in ihre Bärte, nur dass diese noch wachsen müssen. Gewachsen sind die Kinder heute alle - weit über sich hin-aus!