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Auge in Auge mit dem Zuschauer - Der evangelische Pfarrer und Synodale Heiko Bräuning hat einen neuen Gottesdienst fürs Fernsehen entwickelt -

03.07.2012 | von Marcus Mockler
Fernsehgottesdienst auf dem Höchsten
Heiko Bräuning vor der Kamera zur Aufzeichnung von Stunde des Höchsten - der Fernsehgottesdienst der Zieglerschen

Bei Fernsehpredigern denken viele an US-Amerikaner, die auf der Mattscheibe eine perfekte religiöse Show inszenieren. Ein württembergischer Pfarrer hat sein eigenes Modell entwickelt - und schart eine wachsende Gemeinde vor den Fernsehgeräten.

Heiko Bräuning trägt immer dasselbe, wenn er vor die Fernsehkamera tritt: schwarzen Anzug, weißes Hemd, Krawatte mit schwarz-grau-weißen Streifen. So konservativ das Outfit, so innovativ ist das Projekt, das der evangelische Pfarrer auf den TV-Bildschirmbringt. Bräuning hat im Auftrag des Diakoniewerkes «Die Zieglerschen» den Gottesdienst «Stunde des Höchsten» fürs Fernsehen entwickelt, der über den Sender Bibel TV und das Internet eine wachsende Gemeinde sammelt.

An diesem Vormittag steht der 42-Jährige in der Frühlingssonne vor der Kapelle auf dem «Höchsten», dem höchsten Berg Oberschwabens unweit von Wilhelmsdorf. Gottesdienstbesucher in die Natur hinauszunehmen, das fasziniert den Theologen, der auch Mitglied der württembergischen Landessynode ist. Auf moderne Technik wird dabei nicht verzichtet. Vor der Kamera auf der Wiese steckt ein Teleprompter - ein Gerät, von dem der Prediger seinen Text ablesen kann. Er muss weder auf ein Papiermanuskript noch auf Moderationskärtchen blicken, er kann dem Zuschauer permanent in die Augen schauen.

Was bringt einen landeskirchlichen Pfarrer dazu, eine TV-Ergänzung zu lokalen Gottesdiensten zu produzieren? Heiko Bräuning ist seit zehn Jahren Mitarbeiter beim Diakoniewerk «Die Zieglerschen», das vor allem in Oberschwaben und im Großraum Stuttgart Einrichtungen für rund 5.000 Behinderte, Betagte, Suchtkranke und benachteiligte Kinder betreibt. Er weiß, dass vielen dieser Menschen aus gesundheitlichen Gründen der Weg zur nächsten Kirche verwehrt ist. «Aber jeder hat das Recht auf einen Gottesdienst», findet der Theologe. Also kommt er mit seinen geistlichen Feiern in die Wohnzimmer und ans Pflegebett.

Die «Zieglerschen» waren es auch, die das TV-Gottesdienst-Projekt im Herbst 2009 angeschupst haben. Sie wollen damit nicht nur bedürftigen Menschen ein geistliches Angebot machen, sondern auch die Diakonie medial besser präsentieren. Die Kostenseite haben die Produzenten dabei streng im Blick. Deshalb werden pro Monat in der Regel nur drei neue Sendungen ausgestrahlt, die vierte ist eine Wiederholung. Um die Elemente der Gottesdienste - Predigt, Bibellesungen, Interviews mit Talk-Gästen, moderne Musik - besser mischen zu können, trägt Bräuning immer denselben Anzug. Damit können Module aus verschiedenen Sendungen neu kombiniert werden, ohne dass der Zuschauer bei der Kleidung eine Veränderung feststellt.

An diesem frühlingshaften Tag setzt sich Bräuning für die Predigt auf eine Holzbank in der Sonne. Er spricht darüber, wie wichtig Ruhezeiten für die seelische Gesundheit sind. Seelsorgerlich und ermutigend sind seine Ansprachen, schwierige theologische Aussagen meidet er. In diesem Punkt hat er von dem amerikanischen TV-Prediger Robert Schuller gelernt, der über Jahrzehnte seine «Hour of Power» («Stunde der Kraft») weltweit ausstrahlte - und dessen Sendungen in Deutschland von Heiko Bräuning anmoderiert werden.

So kann man den Diakonie-Pfarrer sonntagvormittags oft zweimal im Fernsehen erleben - zum einen als Ankündiger der Schuller-Sendung, die indessen wegen einer Personal- und Finanzkrise von Schullers Organisation möglicherweise bald vor dem Aus steht. Und dann als Prediger in der «Stunde des Höchsten», die über Bibel TV und das Internet gezeigt wird.

Rein technisch haben 40 Millionen Menschen die Möglichkeit, das Programm aus Oberschwaben zu empfangen. Wie viele es tatsächlich sind, wird bei «Bibel TV» nicht ausgezählt. Allerdings bekommt das Zuschauer- und Seelsorgeteam der «Stunde des Höchsten» nach eigenen Angaben mehr Reaktionen auf eine Sendung als das ZDF mit seinen Gottesdiensten, bei denen durchschnittlich eine Million Menschen zusehen.

Das Konzept ist so knapp kalkuliert, dass sich selbst Insider die Augen reiben. Pro Gottesdienst stehen Bräuning und seinem Team gerade mal 3.000 Euro für die Produktion zur Verfügung. Auch für die Finanzen ist es hilfreich, dass der TV-Pfarrer immer mit demselben Anzug, demselben Hemd und derselben Krawatte erscheint und nicht ständig eine neue Garderobe beansprucht. Inzwischen kommt die «Stunde des Höchsten» fast ohne Zuschüsse aus, weil viele Spender für «ihren» Gottesdienst im Fernsehen zusammenlegen.

Die «Stunde des Höchsten» wird auf Bibel TV zu folgenden Zeiten ausgestrahlt: Sonntag, 8.30 Uhr und 14 Uhr, Mittwoch 24 Uhr, Freitag 6 Uhr, Samstag 12 Uhr. Außerdem sind aktuelle Sendungen im Internet abrufbar.

www.stunde-des-hoechsten.de