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Entwicklungshilfe am Kilimanjaro

29.10.2014 | von Harald Dubyk
Thomas Lämmle
Der Waldburger Extrembergsteiger Thomas Lämmle unterstützt einheimische Bergführer in Tansania

WALDBURG - Das Haus ist standesgemäß. Alles aus Holz, massive Blockbauweise, am Rand von Waldburg im Landkreis Ravensburg. Der Blick von der Terrasse nach Südosten weckt Sehnsüchte. Die Gipfel der Allgäuer Alpen wirken an manchen Tagen so nah, also könnte man sie mit der bloßen Hand greifen. Die Nachbargemeinde Vogt nennt sich das „Tor zum Allgäu", der Ort Waldburg mit seiner weithin sichtbaren Burg und mit dieser Aussicht ist es allemal. Am Eingang wehen tibetische Gebetsfahnen – im Original und nicht als nostalgische Folklore. Ja, das ist wahrlich die standesgemäße Behausung eines Alpinisten. Hier lebt Thomas Lämmle mit seiner Familie. Der 49-jährige Extrembergsteiger und fünffache Vater bricht von hier aus immer wieder zu seinen Touren und Expeditionen zu den höchsten Bergen dieser Welt auf. Zwei alpine Regionen haben es ihm besonders angetan: Die Achttausender des Himalaya und der Kilimanjaro in Tansania, mit 5895 Metern der höchste Berg Afrikas. Eine Route auf das Dach Afrikas wurde 2009 sogar nach Thomas Lämmle benannt, die „Thomas Glacier Route". Damit steht er auf einer Stufe mit der Südtiroler Bergsteigerlegende Reinhold Messner, nachdem ebenfalls eine Route auf den Kilimanjaro benannt wurde.

Vor zwölf Jahren begann die ganz persönliche Geschichte von Thomas Lämmle und des Kilimanjaro. 2002 war er für den DAV-Summit Club, das alpine Reisebüro des Deutschen Alpenvereins, in Tansania unterwegs. Schnell wurde ihm klar, dass die örtlichen Bergführer Unterstützung brauchten. Mit fast 40 000 Trekkingtouristen jährlich ist der Kilimanjaro der am meisten bestiegene Berg der Erde. Und der am meisten unterschätzte, wie sich die Reinhold Messner einmal respektvoll ausdrückte. Ohne örtliche Kenntnisse einheimischer Führer ist die Besteigung des Vulkangipfels nahezu unmöglich.
Mit einer Gruppe von Bergführern vor Ort begann Thomas Lämmle damals mit deren Ausbildung: Führungstaktik, Techniken zur Unterstützung von Kunden beim Aufstieg in großen Höhen, Höhen- und Notfallmedizin sowie Bergrettungstechniken. Er selbst entwickelte und beschrieb die Programme für die Touren. Alle zwei Jahre werden die Inhalte überprüft, weiter- und fortgebildet, inklusive Abschlussprüfung. „Sicherheit am Berg und eine möglichst hohe Garantie für einen Gipfelerfolg stehen dabei im Mittelpunkt", sagt Thomas Lämmle. Viele Jahre war er für den DAV-Summit Club am Kilimanjaro, als Bergführer und Kontaktmann für die Einheimischen. Dann stieg der Summit Club aus, wechselte die Agentur. Für Thomas Lämmle Anlass, nicht mehr für den Summit Club zu führen, sondern neue Wege zu gehen. Mit der Oberstdorfer Bergschule Amicalalpin, die sich auf Expeditionsbergsteigen spezialisiert hatte, setzte er sein Projekt am Kilimanjaro fort. „Ich gründete eine eigene Agentur vor Ort mit dem Namen Extrek Africa" erzählt er. Seine Arbeit mit den Bergführern und ihren Familien brachte ihn auch persönlich näher an die Menschen. Die Arbeit wurde zur Herzensangelegenheit. „Mit diesem Projekt bringen wir Arbeit für Menschen ins Land", betont Thomas Lämmle. Zwei Teams besitzt die Agentur bereits. Jedes Team besteht aus vier Bergsteigern und Köchen, dazu kommen vier Träger pro Expeditionsteilnehmer. 10 US-Dollar pro Tag verdienen die Träger. „Das liegt deutlich über dem Mindestlohn in Tansania", sagt Thomas Lämmle. Je nach Branche liegt der monatliche Durchschnittsverdienst in dem ostafrikanischen Land kaum über 40 Dollar, auch wenn die Regierung den gesetzlichen Mindestlohn in den letzten Jahren immer wieder angehoben hat. In den Teams dabei sind auch einige alleinerziehende Frauen. „Hier bekommen sie Arbeit. Die Alternative, Geld zu verdienen und damit die Familie zu ernähren, wäre im schlechtesten Fall die Prostitution", bemerkt Thomas Lämmle.
„Die Mitarbeiter sollen einen gerechten Lohn erhalten. Dafür sind wir auch bereit, ein paar Euro mehr zu zahlen, wenn wir wissen, dass nicht die Chefetage alles kassiert und die Bediensteten für einen Hungerlohn arbeiten müssen", sagt Luis Stitzinger, seit diesem Jahr Bergführer bei Amicalalpin, Partner und Unterstützer des Projekts. Der 45-Jährige stand unter anderem schon auf acht Achttausendern und kennt die Lebens- und Arbeitsbedingungen von einheimischen Bergführern und Trägern. Neben einer anständigen Bezahlung gehe es auch um eine gute Ausbildung der Einheimischen. „Und dass sie am Berg gut ausgerüstet sind. Denn das trägt auch zur Sicherheit bei und kommt ja letztendlich auch uns als Veranstalter zu Gute", sagt Stitzinger und lobt die Bergführerkollegen vor Ort: „Die Organisation, die Hygiene, das Essen, die Freundlichkeit des Teams, die vorausschauende Planung und die gute Ausrüstung von Extrek Africa sind einfach beispielhaft."
Vieles sei auf die Initiative und Arbeit von Thomas Lämmle zurückzuführen. Er habe den Bergführern vor Ort für ihre Arbeit wichtige Inhalte vermittelt, zu denen andere Führer dort in der Regel keinen Zugang haben. „Das Ergebnis ist eine ganz andere Qualität von Führer, sicherlich einzigartig am Kilimanjaro", sagt Luis Stitzinger, „denn viele der Führer dort schätzen natürlich die verhältnismäßig hohen Verdienstmöglichkeiten im Tourismusgeschäft, unterschätzen aber manchmal die Verantwortung, die damit einhergeht." Die staatlichen Stellen in Tansania handeln bei Unfällen rigoros. Schnell wird das Patent eingezogen und der Führer ist seinen Job los. „Nicht zu sprechen von den persönlichen Vorwürfen, die man sich dann in einem solchen Fall als Führer möglicherweise macht. So schützt ein gut ausgebildeter Führer nicht nur seinen Gast sondern auch sich selbst und seinen Beruf", betont Stitzinger.
Die Expeditionsteilnehmer bei Extrek Africa übernachten vor ihrer Besteigung des Kilimanjaro im Hotel Stella Maris. Es ist Teil des Entwicklungshilfeprojekts des Mailisita Foundation. Die Einnahmen aus den Hotelübernachtungen unterstützen den Betrieb einer Schule für Waisenkinder, deren Eltern hauptsächlich an Aids verstorben sind.
Für Thomas Lämmle alles gute Gründe, immer wieder an den Kilimanjaro zurückzukehren. Diesen Sommer hat er für die Sektion Ravensburg des Deutschen Alpenvereins eine Besteigung auf den Kilimanjaro angeboten. Gemeinsam mit den Bergführern von Extrek Africa ging es über die „Thomas Glacier Route" hoch zum Gipfel. Es war erst die vierte Begehung dieser Route, was bei rund 40 000 Bergtouristen jährlich am Kilimanjaro auch für die Besonderheit dieser Route spricht. Und es war die erste Begehung von Frauen überhaupt. Mit Miriam Arnegger aus Ravensburg und Tamara Harbrecht aus Weingarten standen erstmals zwei Frauen auf dem Gipfel, die die Besteigung über die „Thomas Glacier Route" wagten.
Thomas Lämmle arbeitet, wenn er nicht gerade auf den höchsten Bergen der Welt als Bergführer unterwegs ist, als Lehrer an der Leopoldschule in Altshausen, einer Schule für hör- und sprachbehinderte Kinder in Trägerschaft der Zieglerschen in Wilhelmsdorf im Landkreis Ravensburg. Auch dort ist er als kreativer und anpackender Kollege bekannt und geschätzt. Mit seinen Schülern baut er auf dem Schulgelände schon mal ein Klassenzimmer unter freiem Himmel oder nimmt einer Gruppe von Schülern die Prüfung auf dem 3312 Meter hohen Gipfel des Piz Buin ab. „Da kann ich den privaten und beruflichen Thomas Lämmle in mir verbinden", sagt er.
Pläne hat der Waldburger noch anspruchsvolle. 2015 möchte er endlich auf den Mount Everest. Einige Mal ist er schon daran gescheitert. Thomas Lämmle stand zwar schon auf mehreren Achttausendern, aber der höchste Berg der Welt hat es ihm seit einer wissenschaftlichen Expedition der Universität Innsbruck im Jahr 2000 besonders angetan. Dafür will er sich so gut wie möglich vorbereiten. Das Training wird ihn auch wieder an den Kilimanjaro führen. Mehrmals wird er dann das Dach Afrikas besteigen um am Ende ganz oben zu stehen: auf dem Mount Everest.