Titelbild


Diese Kirche hätte sicher auch Jesus gefallen

17.02.2014 | von Harald Dubyk
Vesperkirche Fazit 2014
Die Ravensburger Vesperkirche hat sich als Projekt der Solidarität und des Ehrenamts im Schussental etabliert. Foto: Katharina Stohr

Die Ravensburger Vesperkirche 2014 ist Geschichte. Gestern öffnete sie das letzte Mal ihre Pforten. 20 Tage prägten gemeinsames Essen, Begegnungen und Kultur das Bild der evangelischen Stadtkirche. Fast 12.500 Gäste sind gekommen - ein neuer Rekord. Das gemeinsame Projekt von Diakonischem Werk Ravensburg und den Zieglerschen ist im Schussental nicht mehr wegzudenken.

Ein Hauch von Wehmut lag über den letzten Tagen der Vesperkirche. Am Sonntag dann war es soweit. Zum letzten Mal für dieses Jahr hatte die Ravensburger Vesperkirche geöffnet. Viele hundert Gäste kamen nochmals in die Kirche. Ein letztes Mal wurden Sie an der Türe freundlich begrüßt, der Weg vorbei an der Kasse hin zur Essensausgabe und zu den Tischen wurde in den vergangenen drei Wochen für viele fast schon zur Routine. Die Vesperkirche 2014 hatte viele Stammgäste. Die meisten von ihnen waren sozial oder seelisch Bedürftige, für die die Ravensburger Vesperkirche viele schöne Stunden und eine warme Mahlzeit bescherte.

Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, war von seinen Besuchen in der Vesperkirche stets angetan: „Eine solche Kirche, die mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen gefüllt und erfüllt ist, das ist eine sympathische, eine echte Kirche. Eine Kirche, von der ich mir sofort vorstellen kann, dass in sie auch Jesus hätte hineingehen können." Mehrmals verabredete er sich mit Kollegen und Geschäftspartnern in der Kirche. „Meine Gäste und ich waren von der Atmosphäre angetan, haben die belebte Kirche genossen und waren unmittelbar an unserem jeweiligen Tisch mit bisher fremden Menschen in intensivem Gesprächskontakt", schwärmte Rau.

Auch Dekan Dr. Friedrich Langsam vom evangelischen Dekanat Ravensburg genoss die Stunden in der Vesperkirche. „Hier war sogar das Warten angenehm, weil man sofort mit den Menschen ins Gespräch kam", bemerkte er, „und an den Tischen habe ich manches Schicksal und manche bewegende Geschichte gehört. Deutlich wurde mir nochmals, wie wichtig gemeinsames Essen ist und was es ermöglicht. Die Vesperkirche hat integrative Kraft bewiesen."


Hinter den Organisatoren Harald Dubyk von den Zieglerschen sowie Friedemann Manz und Gerd Gunßer vom Diakonischen Werk Ravensburg lagen nach Monaten der Vorbereitung und vor allem während der letzten drei Wochen der Vesperkirche viele anstrengende aber auch erfüllte Momente. Mit einem Team von über 320 ehrenamtlichen Helfern stemmten sie den Besucheransturm, der an manchen Tagen alle herausforderte. „Wichtig war uns, dass wir unseren Gästen stets freundlich und großzügig begegneten", betonte Diakon Gerd Gunßer. Dass die Menschen immer wieder gerne in die Vesperkirche kamen, zeigt auch die hohe Besucherzahl. Mit rund 12.500 Besuchern kamen über 2000 mehr als in 2013. Zu den acht Kulturveranstaltungen der Vesperkirche kamen über 2500 Besucher. Von der Krimilesung über das Konzert des Oberschwäbischen Kammerorchesters bis hin zur Kinonacht am vergangenen Samstag war für jeden etwas dabei.

Über 100.000 Euro wurden der Vesperkirche gespendet. Dazu kamen viele Sachspenden wie Brot, Kuchen, Wurstwaren oder Milch. Damit ist die Finanzierung gesichert. „Wir mussten in diesem Jahr aber deutlich mehr Essen bestellen, damit wir alle unsere Gäste gut versorgen konnten", sagte Harald Dubyk. Das hohe Spendenaufkommen wird also dringend benötigt. „Wir freuen uns über den großen Zuspruch und die vielen Menschen, die zu uns gekommen sind. Aber wir haben auch erkannt, dass wir mit diesen hohen Besucherzahlen organisatorisch an unsere Grenzen stoßen", betonte Dubyk, der in diesem Jahr erstmals die Vesperkirche mitorgansierte.

Pfarrer Friedemann Manz hob besonders die bunte Vielfalt unter den ehrenamtlichen Helfern und bei den Gästen: „ Vom Asylbewerber bis zur Kirchengemeinderätin sind alle dabei. Das Miteinander und Ineinander von Diakonie und Kirche ist wunderbar." Für Dekan Langsam war die Vesperkirche 2014 eine logistische Meisterleistung: „Was hier das Team der drei Hauptamtlichen mit 320 Ehrenamtlichen zusammen auf die Beine gestellt haben, ist bewundernswert. Dass eine weitere Steigerung möglich wäre, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das Projekt Vesperkirche hat sich in Ravensburg rundum etabliert."

 

Die Vesperkirche in Zahlen


Die Ravensburger Vesperkirche 2014 beindruckte auch mit Zahlen. Wie viele Gäste kamen? Wie viele ehrenamtliche Stunden leisteten die 320 Helfer? Und wie viele besuchten die acht Kulturveranstaltungen? Hier eine erste Bilanz:


14570 Essen wurden in der Küche des Körperbehindertenzentrums Oberschwaben in Weingarten bestellt.


12355 Gäste kamen vom 28. Januar bis zum 16. Februar in die Vesperkirche. Das macht durchschnittlich 618 Besucher pro Tag. Am wenigsten Gäste kamen am ersten Tag (320). Der Tag mit den meisten Besuchern war der 13. Februar mit 835 Menschen.


12000 Tassen Kaffee wurden ausgegeben; macht 600 am Tag. Täglich waren bis zu zehn Wasserkocher im Einsatz.


9040 Vespertüten gingen insgesamt über die Theke. In einer Vespertüte befanden sich zwei belegte Brote mit Wurst oder Käse sowie ein Apfel.


5640 Ehrenamtstunden leisteten die 320 Helfer der Vesperkirche. 85 Helfer waren täglich im Einsatz. Macht bei 20 Tagen Vesperkirche 1696 Einsätze von ehrenamtlichen Helfern insgesamt.


2620 Besucher kamen zu den acht Kulturveranstaltungen der Vesperkirche. Zur Krimilesung mit Michael Boenke kamen 80, zum Auftritt des Kabarettisten Uli Boettcher waren es 700.


40 Einführungen gab es an den 20 Tagen der Vesperkirche. Zweimal täglich, immer zu Schichtbeginn, wurden die ehrenamtlichen Helfer auf ihren Einsatz eingestimmt.


28 Arztstunden zählte die Vesperkirche 2014. Vier Ärzte leisteten an zehn Tagen Dienst. Sie standen den Gästen der Vesperkirche unentgeltlich zur Verfügung.


6 mal organisierte Gerd Gunßer vom Diakonischen Werk Ravensburg die Vesperkirche, das erste Mal 2009. Das zweite Mal ist Pfarrer Friedemann Manz, ebenso Diakonisches Werk, mit dabei, und zum ersten Mal Harald Dubyk von den Zieglerschen.
Gemeinsam haben sie 1 Vesperkirche 2014 organisiert und durchgeführt.