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»Ich will einfach ein normales Leben leben.«

13.10.2014 | von Sarah Benkißer
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Im „Haus Hoffnung“ der Zieglerschen in Wilhelmsdorf haben 17 Asylbewerber eine Bleibe gefunden. / Foto: Sarah Benkißer

17 Flüchtlinge ins Haus Hoffnung der Zieglerschen eingezogen.

Mustapha Jatta ist einer von ganz vielen. Politisch verfolgt in seiner Heimat Gambia – sein Onkel sitzt als politischer Häftling im Gefängnis, die Tante ist in den angrenzenden Senegal geflohen, Eltern hat er keine mehr – hat der junge Mann sich auf eine lange Reise mit ungewissem Ausgang gemacht. Im April 2013 hat er Gambia verlassen. Mit einem der zahllosen Flüchtlingsboote ist er über’s Mittelmeer gekommen. Im Oktober geht er in Italien an Land – und hat damit mehr Glück gehabt als so viele andere, die die gefährliche Überfahrt nicht überleben. Mehr als 3.000 Flüchtlinge sind laut Erhebung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) allein im laufenden Jahr 2014 auf dem Mittelmeer ums Leben gekommen. Über die Schweiz kommt Jatta schließlich nach Deutschland. Zunächst in Mannheim, wird er im September 2014 – nach einer nun schon eineinhalb Jahre dauernden Flucht – nach Wilhelmsdorf im Landkreis Ravensburg geschickt.
Mustapha Jatta gehört zu den rund 1.500 Flüchtlingen, die der Landkreis Ravensburg bis Ende 2015 aufgenommen haben wird – vorausgesetzt, dass genügend Wohnraum für Asylsuchende zur Verfügung gestellt werden kann.

In der Fünf-Tausend-Einwohner-Gemeinde Wilhelmsdorf, rund zwanzig Kilometer nordwestlich von Ravensburg gelegen, sind im September 17 neue Asylsuchende aufgenommen worden – Mustapha Jatta ist einer davon. Im „Haus Hoffnung“ in der Zußdorfer Straße betreibt die Behindertenhilfe der Zieglerschen, diakonisches Sozialunternehmen mit Sitz in Wilhelmsdorf, Tagesstrukturangebote für Menschen mit Behinderung. Es werden aber nicht alle Räume genutzt. Daher haben die Zieglerschen eine Etage des Hauses für den symbolischen Mietpreis von einem Euro pro Quadratmeter an den Landkreis Ravensburg vermietet. „Uns der Ärmsten anzunehmen, sehen wir Zieglersche als unsere diakonische Aufgabe an. Deshalb bieten wir gerne eine Unterkunft für Asylsuchende, die in ihrer Heimat alles hinter sich gelassen haben“, erklärt Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, die Beweggründe. Die Johannes-Ziegler-Stiftung unterstützt das Projekt mit 1.500 Euro. Der ehrenamtliche „Unterstützerkreis Asyl“ hat sich der neu angekommenen Asylbewerber angenommen – wie auch schon der 24 anderen Flüchtlinge, die seit Herbst 2013 eine Bleibe in Wilhelmsdorf gefunden haben.

Elke Schübert, Leiterin des Helferkreises, sitzt in einem improvisierten Aufenthaltsraum im „Haus Hoffnung“. Sie hat Kleidungsstücke dabei – Spenden für die Flüchtlinge. Rund zehn junge Männer stehen geduldig um sie herum und warten, ob etwas Passendes für sie dabei ist. Bald wird es Winter in Deutschland und sie haben aus ihren afrikanischen Heimatländern Togo, Kamerun und Gambia nicht viel mehr mitbringen können, als das, was sie am Leib tragen. Noch mehr als Kleider und Schuhe jedoch wünschen sie sich ein Fahrrad, damit sie ein bisschen rumkommen in der ländlichen Gegend – und eine Beschäftigung. Sie alle sind jung, könnten und wollen gerne arbeiten, möchten wenigstens Fußball oder Volleyball spielen, aktiv sein – und leben nun zusammengedrängt in Drei-Bett-Zimmern mitten in der oberschwäbischen Provinz. Was erwarten diese jungen Männer vom Leben? Was wünschen sie sich? Mustapha Jatta sagt: „Ich will einfach ein normales Leben leben.“

Wer die Flüchtlinge in Wilhelmsdorf mit ehrenamtlichem Engagement oder durch Sach- bzw. Geldspenden unterstützen möchte, kann sich an Elke Schübert vom Unterstützerkreis wenden unter der Telefonnummer: 0151 / 52 343 111.