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Neue Freiwillige lernen Gebärden

11.09.2015 | von Sarah Benkißer

Die neuen Freiwilligen der Zieglerschen zeigen ihre individuellen Namensgebärden, mit der die Bewohner sie künftig „ansprechen“ werden. / Foto: Die Zieglerschen

Rund 70 Freiwilligendienstleistende haben zum 1. September in den Einrichtungen der Zieglerschen begonnen. 25 von ihnen bekamen nun in der Behindertenhilfe ihr wichtigstes Handwerkszeug für die Kommunikation mit den Bewohnern mit auf den Weg: die Gebärden aus „Schau doch meine Hände an“ – einer Sammlung, die vor fast 50 Jahren in der Haslachmühle der Zieglerschen ihren Anfang nahm.

„Im Frühling werden die Ärmel kürzer und im Herbst wieder lang“, sagt Sonia und fährt mit der linken Hand auf ihrem rechten Arm erst nach oben und dann wieder hinunter. Mit dieser Eselsbrücke merkt sich die Freiwilligendienstleistende in der Behindertenhilfe der Zieglerschen die Gebärden für die Jahreszeiten. Ihre neuen Kolleginnen, Deborah, Vanessa und Annalisa, blättern währenddessen in der Gebärdensammlung „Schau doch meine Hände an“ und suchen nach den richtigen Handbewegungen für „Wochenende“, „Jahr“ oder „Monat“.

25 neue Freiwilligendienstleistende sitzen an diesem sonnigen Herbsttag in der Aula der „Bunten Schule“ in der Heimsonderschule Haslachmühle und üben fleißig Gebärden. Diese sind Teil der „Unterstützten Kommunikation“, ohne die die Verständigung in den Behindertenhilfe-Einrichtungen der Zieglerschen nicht funktionieren würde. Denn viele der Bewohner haben neben einer geistigen auch eine Hör-Sprachbehinderung. Roswitha Österle, Referentin für Unterstützte Kommunikation bei den Zieglerschen, erklärt: „Etwa ein Drittel der Gebärden aus ‚Schau doch meine Hände an‘ wurden in der Haslachmühle selbst entwickelt. Die restlichen, zum Teil vereinfachten Gebärden stammen aus der offiziellen Deutschen Gebärdensprache ‚DGS‘.“ Anders als in der DGS, die eine ganz eigene Sprache ist, werden die Gebärden hier aber lautsprachbegleitend eingesetzt. Das heißt, dass zu den wichtigsten Wörtern eines gesprochenen Satzes jeweils die passende Gebärde gemacht wird.

„Gibt es diese Gebärden nur bei den Zieglerschen oder kann ich die auch woanders anwenden?“ will eine der neuen Freiwilligen wissen. Roswitha Österle erklärt: „Unsere Gebärdensammlung ist vor allem in Süddeutschland verbreitet, im Norden haben sich eher die reinen DGS-Gebärden durchgesetzt.“ Hier zeigt sich eine historische Besonderheit: Von 1880 bis ca. 1980 war Gehörlosen das Gebärden nämlich verboten. Sie sollten nach Möglichkeit sprechen und das Lippenlesen lernen um zu kommunizieren. In Wilhelmsdorf, wo viele Gehörlose mit einer gleichzeitigen geistigen Behinderung lebten, stellte dies die Lehrer vor echte Probleme, weil die Lautsprache die Bewohner schlicht überforderte. Um sich trotzdem verständlich zu machen, gebärdeten die Schüler einfach heimlich untereinander.

 

Die "Bunte Schule" in der Haslachmühle: Hier lernten die neuen Freiwilligen die Gebärden aus "Schau doch meine Hände an". / Foto: Die Zieglerschen

 

Im Jahr 1966 zog eine Klasse mit dem Gehörlosenlehrer Ernst Blickle und der Heilpädagogin Heidi Ziegler in die Haslachmühle bei Horgenzell um. Dort entwickelten sie nach und nach ihre Gebärdensammlung, die heute unter dem Titel „Schau doch meine Hände an“ bekannt ist. Wegen des noch bis Anfang der Achtziger geltenden Gebärdenverbots war an eine deutschlandweite Verbreitung zunächst jedoch nicht zu denken. Und so gab es viele regionale und einrichtungsspezifische Entwicklungen, die auch heute noch nicht vereinheitlicht sind. Durch die Kooperation der Zieglerschen mit dem Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB) beim Verlag und Vertrieb von „Schau doch meine Hände an“ findet diese Sammlung aber mittlerweile weite Verbreitung.

Deborah, Sonia, Vanessa und Annalisa haben an dem Gebärdenkurs sichtlich Spaß. Und dass sie das Gelernte für die tägliche Praxis dringend brauchen, ist für sie bereits wenige Tage nach Beginn ihres Freiwilligenjahres klar. „Ich bin jetzt eine Woche da und die ersten Gebärden habe ich schon vor diesem Kurs hier auf der Gruppe gelernt“, berichtet Deborah. „Das geht ganz schnell.“ Vanessa und Annalisa fahren sich mit dem Zeigefinger über die Unterlippe und ergänzen lachend: „Die meisten Bewohner kommen auf einen zu und wollen erstmal was Süßes haben.“