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Zahngesundheit und Pflegebedürftigkeit „Viele machen den Mund gar nicht auf“

16.01.2015 | von Sarah Benkißer
Zahngesundheit - Lachen ist gut
Lachen ist gesund - darum legt die Zieglersche Altenhilfe auf die Zahngesundheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner großen Wert

„Bei der Zahngesundheit pflegebedürftiger Menschen liegt einiges im Argen“ – so lautet ein zentrales Ergebnis des Barmer GEK-Pflegereports 2014. Demnach seien insbesondere Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen zahnmedizinisch unterversorgt. Bei den Zieglerschen ist das Problem bekannt: „Zahnärzte zu finden, die überhaupt bereit sind, in Pflegeheime zu kommen, ist schwierig“, erklärt Regionalleiterin Dagmar Hennings von der Altenhilfe des diakonischen Sozialunternehmens.

Auf das Thema Zahngesundheit legen die Zieglerschen jedoch großen Wert und haben es durch die Umsetzung des nationalen Expertenstandards zum Ernährungsmanagement in ihren Pflegeheimen verankert. Wo immer ortsansässige Zahnärzte dazu bereit seien, kooperierten die Pflegeheime der Zieglerschen mit ihnen, so z.B. im Seniorenzentrum Bad Waldsee, so Hennings weiter. Kooperationsverträge nach § 119b SGB V seien bisher aber noch nicht zustande gekommen. Die Zieglerschen betreiben 20 Pflegeheime und drei Diakonie-Sozialstationen in Baden-Württemberg mit über 1.000 Mitarbeitenden, die rund 2.600 pflegebedürftige Personen betreuen.

Ein Zahnarzt kommt ins Pflegeheim

„Bei uns kommt jedes halbe Jahr ein Zahnarzt ins Haus“, erzählt Monika Materna, Hausleitung im Seniorenzentrum Bad Waldsee. „Er bringt seine Arzthelferin mit und macht die Vorsorgeuntersuchungen.“ Wird bei einem Bewohner ein Behandlungsbedarf festgestellt, schickt der Zahnarzt einen Kostenvoranschlag. Zur Behandlung werden die pflegebedürftigen Bewohnerinnen und Bewohner in die Praxis gebracht, denn dann geht es nicht mehr ohne Behandlungsstuhl. „Wir haben das Glück, dass unser Zahnarzt nur fünf Minuten zu Fuß entfernt seine Praxis hat. Da müssen wir für Menschen mit eingeschränkter Mobilität keinen extra Krankentransport organisieren, sondern können sie im Rollstuhl rüberschieben“, erklärt Monika Materna.

Es gilt die freie Arztwahl

Auch für Menschen im Pflegeheim gilt die freie Arztwahl. Wer von einem anderen Zahnarzt behandelt werden möchte als dem, der halbjährlich in die Einrichtung kommt, muss dorthin gebracht werden. „Die Personalschlüssel in Pflegeheimen sind leider so knapp bemessen, dass es den Mitarbeitern außerordentlich schwer fällt, solche Arztbesuche zu begleiten. Wie hoffen immer auf die Unterstützung von  Angehörigen oder Ehrenamtlichen“, sagt Regionalleiterin Hennings bedauernd. Dass das Thema Zahngesundheit für Pflegebedürftige kein einfaches ist, liegt für Dagmar Hennings außer in der eingeschränkten Mobilität auch im Voranschreiten demenzieller Erkrankungen begründet: „Egal ob in einer stationären Einrichtung oder in der Zahnarztpraxis: Viele Menschen mit Demenz verstehen einfach nicht mehr, was bei einer Untersuchung mit ihnen passiert, und machen den Mund gar nicht auf.“ Der Umgang mit diesen Menschen erfordere daher viel Fingerspitzengefühl, Ruhe und Fachwissen. Dass nur wenige Zahnärzte bereit sind, in Pflegeheime zu kommen, kann sie daher auch ein Stück weit nachvollziehen. Gerade deshalb legen die Zieglerschen großen Wert auf das Thema Zahngesundheit in ihren Pflegeheimen: „Eine gute Mundhygiene bei der Pflege ist die beste Vorbeugung. Darum haben wir dieses Thema auch durch die Umsetzung des nationalen Expertenstandards „Ernährungsmanagement“, der in allen Pflegeheimen der Zieglerschen angewendet wird, fest verankert“, so Dagmar Hennings.

Kooperationsverträge zwischen Zahnärzten und Pflegeheimen

Die Forderung, dass mehr Zahnärzte zu Kooperationen mit Pflegeheimen bereit sein müssten, bleibt bestehen. Nach § 119b SGB V können Pflegeheime und Zahnärzte einen Kooperationsvertrag schließen. Für die in diesem Rahmen erbrachten Leistungen kann der Kooperationszahnarzt sogar eine zusätzliche Vergütung abrechnen. Diese Regelung hatten die Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband im April 2014 mit einer Rahmenvereinbarung auf den Weg gebracht. „Wir haben aber bisher noch keinen Zahnarzt gefunden, der mit einem unserer Pflegeheime einen solchen Kooperationsvertrag abgeschlossen hätte“, beklagt Dagmar Hennings. „Vielleicht ist diese Möglichkeit unter den Zahnärzten auch noch zu wenig bekannt.“ Möglicherweise tragen die Ergebnisse des Pflegereports jetzt zu einer Verbreitung dieses Modells bei und helfen so, die zahnärztliche Versorgung für Pflegebedürftige nachhaltig zu verbessern.