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Wieso, weshalb, warum? Expertenstandards in der Pflege

13.08.2013 | von Nicola Philipp
Dagmar Hennings
Dagmar Hennings, Regionalleiterin bei der Zieglerschen Altenhilfe und Mitglied der Expertengruppe zur Formulierung eines nationalen Expertenstandards "Förderung und Erhalt der Mobilität"
Seit 1999 formuliert das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) Expertenstandards, um Krankenhäusern, ambulanten Pflegediensten und Einrichtungen der stationären Altenhilfe wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für verschiedene Bereiche der Pflege an die Hand zu geben. Bisher gibt es sieben formulierte Expertenstandards, beispielsweise zur Sturzprophylaxe, zu Schmerzmanagement und zur Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. Seit 2008 - aufgrund des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes - ist es im Sozialgesetzbuch (Paragraph 113a SGB XI) nun auch gesetzlich festgeschrieben, dass Expertenstandards entwickelt werden sollen und diese von stationären wie ambulanten Einrichtungen angewendet werden müssen. Das Deutsche Netzwerk entwickelt nicht mehr „von Haus aus" Expertenstandards, sondern es kann sich bewerben. Welcher Expertenstandard von wem erarbeitet wird, entscheiden dann die Vertreter der Kassen und der Leistungsanbieter. Das neue Verfahren lehnt sich stark an das bisherige Verfahren des DNQP an. Das DNQP hat sich nun beworben für den neu zu erstellenden Expertenstandard „Förderung und Erhalt der Mobilität" und hat den „Zuschlag" erhalten. Dagmar Hennings, Regionalleiterin bei der Zieglerschen Altenhilfe ist Mitglied der Expertengruppe.



Nicola Philipp (Beauftrage für Öffentlichkeitsarbeit, Die Zieglerschen - Altenhilfe): Frau Hennings, wie kam es dazu, dass Sie Mitglied der Expertengruppe zur Formulierung des Expertenstandards „Förderung und Erhalt der Mobilität" wurden?
Dagmar Hennings: Ich wurde von Frau Professor Zegelin, mit der wir im Januar einen großen Fachtag zum Thema Bewegungsförderung veranstaltet hatten und Frau Professor Elsbernd von der Esslinger Fachhochschule angesprochen und ermutigt, mich zu bewerben. Ich selbst hätte mir eine Bewerbung zunächst nicht zugetraut. Die formalen Voraussetzungen sind ziemlich hoch. Neben einer rein formalen Qualifikation - zum Beispiel entsprechende Weiterbildungen, ein Hochschulstudium und so weiter - muss man nachweisen, welche Praxisexpertise man zum Thema mitbringt, ob man Veröffentlichungen und Fachveranstaltungen vorweisen kann oder wissenschaftliche Projekte begleitet hat. Nicht zuletzt durch meine langjährige Erfahrung in der Umsetzung von Expertenstandards bei der Zieglerschen Altenhilfe, die ich ja auch an der Esslinger Hochschule als Honorardozentin einbringe, durch Veröffentlichungen und Fachtage wurde ich ausgewählt. Ich habe mich riesig darüber gefreut.

Wer sind die anderen Experten und wie ist die Arbeitsweise der Gruppe?
Es sind insgesamt zwölf Experten und Expertinnen, jeweils die Hälfte aus der Pflegewissenschaft, also Professorinnen, wissenschaftliche Mitarbeiter, Doktoranden und die andere Hälfte aus der Pflegepraxis, also Leitungspersonen, Inhaber von Stabsstellen zur Qualitätsentwicklung oder interne Prozessbegleiter. Weiter sind drei externe Fachberater beteiligt, eine Physiotherapeutin, ein Diplom-Sportlehrer und ein Vertreter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen Sachsen. Die wissenschaftliche Leitung hat Professor Doktor Klaus Wingenfeld. Professor Doktor Andreas Büscher, wissenschaftlicher Leiter des DNQP moderiert die Expertengruppe - also namhafte Persönlichkeiten. Wir treffen uns insgesamt viermal und müssen zwischen den Sitzungen die Literatur lesen, die durch zwei sogenannte Reviewer recherchiert wird. Ziel ist, pflegewissenschaftliche Literatur aufzuarbeiten, um daraus Empfehlungen für die Praxis zu formulieren. In diese Empfehlungen fließen dann auch die Erfahrungen der Expertengruppe, denn unsere Pflegewissenschaft ist noch jung und auch international gibt es zu vielen Aspekten keine ausreichenden Forschungsstudien. Kleingruppen bearbeiten dann jeweils eine sogenannte Kriterienebene, die dann im Plenum wieder diskutiert wird - die Arbeit nach dem Delphi-Verfahren. Also, viel Arbeit - aber super interessant!

Die Arbeit im Expertenteam ist ehrenamtlich. Was motiviert Sie, so viel Zeit für diese Arbeit einzusetzen?
(Lacht). Mitzuwirken an einer Publikation, die dann deutschlandweit für alle ambulanten und stationären Einrichtungen Gültigkeit besitzt ist schon toll. Weiter ist es mir ein großes Anliegen, die Wissenschaft mit der Praxis zu verbinden. Ich finde es total interessant, mich mit Pflegeforschung auseinander zu setzen, also Studien zu lesen und zu analysieren und zu überlegen, wie könnten wir die Inhalte - in Verbindung mit meinen Praxiserfahrungen und den gegebenen Rahmenbedingungen - in der Praxis umsetzen. Das finde ich super spannend. Und natürlich der Kontakt zu anderen Experten, da lernt man auch selbst unheimlich dazu. Nicht zuletzt ist es für unseren Träger - die Zieglersche Altenhilfe - natürlich eine gute Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit. Für die Teilnahme an der Expertenarbeitsgruppe bekomme ich daher auch große Rückendeckung von meinen beiden Chefs, die es sehr begrüßen, dass ich dort mitarbeite. Außerdem hatte ich schon immer Lust, mich einzubringen und mit zu gestalten. Die Expertengruppe bietet mir hierfür eine wunderbare Gelegenheit.

Wann soll der neue Expertenstandard vorliegen?
Am 28. März 2014 gibt es eine große Fachveranstaltung in Berlin, in der der erste Entwurf vorgestellt wird. Dieser wird dann in einer anschließenden Phase in verschiedenen Einrichtungen implementiert. Die Erfahrungen, die die Einrichtungen mit dem Expertenstandard machen, sollen dann in die abschließende Version einfließen.

Warum sind Expertenstandards wichtig?
Die Aspekte sind vielfältig: Es ist sehr wichtig, dass wir durch Expertenstandards unseren pflegerischen Beitrag deutlich machen. Was können wir pflegerisch und mit welchen Rahmenbedingungen - seien es finanzielle, personelle wie qualifikatorische Ressourcen - erreichen. Das pflegerische Handeln wird am aktuellen Stand der Erkenntnis ausgerichtet, es basiert auf Evidenz, ist wissenschaftlich bewiesen. Das Pendant dazu sind die medizinischen Leitlinien für die Mediziner. Daher sind Expertenstandards für unseren Berufsstand und für die Professionalisierung der Pflege unheimlich wichtig. Betonen möchte ich auch die Bedeutung im Zuge der Bundestagswahl 2013. Das Thema Gesundheit und Pflege muss meines Erachtens auf der Agenda der Parteien stehen. Sie sollten unter anderem einen gesellschaftlichen Diskurs anregen mit dem Ziel zu klären, was es unserer Gesellschaft wert ist, für „gute" Pflege zu zahlen. Denn die Anwendung von Expertenstandards kostet Ressourcen. Nach dem neuen Verfahren nach Paragraph 113a Sozialgesetzbuch XI soll ja erstmalig eine Kosten-Nutzen-Berechnung erstellt werden. Da bin ich sehr gespannt, zu welchen Ergebnissen diese Berechnungen führen. Erste Ansätze zur monetären Bewertung der Anwendung von Expertenstandards gibt es ja bereits. Weiter dienen Expertenstandards, da sie für alle Einrichtungen Gültigkeit haben, der nationalen Qualitätssicherung und -entwicklung. Alle Einrichtungen sollen anhand des gleichen Niveaus pflegen. Dieses Niveau ist wissenschaftlich fundiert, wurde von ausgewiesenen Experten formuliert und in großen Fachveranstaltungen mit der Berufsgruppe abgestimmt. Sie werden erstellt zu zentralen Pflegeproblemen beziehungsweise Handlungsbereichen in der Pflege und rücken den betroffenen Menschen und dessen Lebensqualität in den Mittelpunkt unseres Handelns. Expertenstandards werden kontinuierlich überarbeitet, entsprechen damit immer dem neuesten Stand der Forschung und Praxis. Durch diese Tatsache haben sie natürlich auch einen nicht unbedeutenden haftungsrechtlichen Charakter.

Warum und wie sind Expertenstandards überhaupt entstanden?
Ihren Ursprung finden die Expertenstandards in der Strategie der Weltgesundheitsorganisation „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000". Ziel war es, dass alle Mitgliedsstaaten ein effektives Verfahren der Qualitätssicherung in der Patientenversorgung entwickeln - für Medizin und Pflege. Für die Umsetzung des Ziels in Deutschland wurde das Deutsche Netzwerk in Osnabrück (DNQP) gegründet. Ziel des DNQP war es, das bestehende Fachwissen und die individuellen Erfahrungen in der Pflege zu bündeln und weiter zu entwickeln. Zunächst entstand ein Katalog mit einer Übersicht über die verschiedenen Qualitätsentwicklungsaktivitäten in der Pflege. Weiter wurde innerhalb des DNQP die Initiative ergriffen, einrichtungsübergreifende sog. Pflegestandards zu entwickeln. Somit sollte ein hohes, wissenschaftlich abgesichertes Niveau der Pflegequalität für alle Einrichtungen und Dienste gewährleistet werden. 1999 wurde dann schließlich mit der Entwicklung dieser Standards begonnen. In der Medizin wurden medizinische Leitlinien entwickelt.

Gibt es in anderen Ländern auch Expertenstandards und kann Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Ländern in Sachen Qualität in der Pflege mithalten?
Unsere Nachbarländer sind uns da zum Teil weit voraus. Großbritannien, die Niederlande und einige nordische Länder wie Schweden haben bereits in den 80er Jahren begonnen, Pflegestandards zu entwickeln. In Großbritannien zum Beispiel gibt es seit vielen Jahren eine Pflegekammer, die die Entwicklung von Pflegestandards stark unterstützt hat.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Qualitätsentwicklung in der Pflege aus?
Meines Erachtens wird die Messbarkeit der Ergebnisqualität in der Pflege eine zunehmende Rolle spielen. Die Frage ist, wie wirksam sind unsere pflegerischen Leistungen? Erreichen wir das erhoffte und festgelegte Ziel? Und mit welchen Ressourcen? Dass heißt, die Entwicklung von sogenannten Qualitätsindikatoren und die monetäre Bewertung unserer Leistungen werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wir müssen in der Pflege darlegen können, was wir mit welchen Ressourcen erreichen können. Dies ist die Grundlage für die weitere Debatte in unserer Gesellschaft - was sind wir bereit, für „gute" Pflege zu zahlen? Voraussetzung dafür ist die weitere Entwicklung der Pflegeforschung.


Frau Hennings, vielen Dank für das Interview.