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Jeder Moment ein Urlaub: pflegebedürftige Senioren erobern den Bodensee und schwelgen noch einmal in Urlaubsstimmung

05.06.2014 | von Catharina Schultheiß
Abfahrt
Einschiffen für Fortgeschrittene: aufgeregt betreten und befahren Rollator- und Rollstuhlfahrer mitsamt Begleitung in einer langen Reihe die Gangway zur MS Lindau in Friedrichshafen. Sobald alle sicher an Bord sind, geht die Fahrt los!

„Das ist ja wie ein richtiger Familienausflug!“ strahlt Helmut Müller, 81, ganz begeistert auf dem Weg zum Schiff. Während sein Rollstuhl von Silvia Schellhorn, im Hauptberuf Justizfachangestellte, durch den Friedrichshafener Hafen geschoben wird, kann er sein Glück kaum fassen: „Das ist ja so schön, dass ich das noch erleben darf!“ wiederholt der Gärtnermeister aus dem Seniorenzentrum Bad Waldsee ein ums andere Mal.

Um ihn herum viele weitere Senioren mit Rollatoren, zu Fuß, im Rollstuhl oder untergehakt bei gutgelaunten Pflegekräften: der Friedrichshafener Hafen ist kurz vor 14 Uhr ganz in der Hand von Bewohnerinnen und Bewohnern der Seniorenzentren der Zieglerschen in Wilhelmsdorf und Bad Waldsee. Begleitet werden die betagten Reisegenossen von Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen und einigen Angehörigen sowie vielen Altenpflegeschülerinnen und -schüler. Das Ziel der rund 170 Reiselustigen: die MS Lindau, die eigens für diese Gruppe eine Fahrt quer über den See machen wird.
Das trübe Wetter fällt kaum auf, die fehlende Sonne stört niemanden. Viel zu sehr sind alle damit beschäftigt, sämtliche Senioren, Rollatoren und Rollstühle sicher über die Gangway ins Schiff zu bugsieren. Dies dauert ein wenig, doch dank der freundlichen Unterstützung durch das Bordpersonal ist auch das kein Problem, jeder Urlauber passiert die Schwelle mit entsprechender Unterstützung und findet ein ihm angenehmes Plätzchen. Die Rollstuhlfahrer bleiben im „Erdgeschoss“, die rüstigeren Reisenden wagen sich auf's Oberdeck. Überall warten bereits leckerer Kuchen und dampfender Kaffee auf die erlebnishungrigen Reisegäste, und kaum hat das Schiff mit seiner hochaltrigen Besatzung abgelegt, gibt es erst einmal eine ausgiebige Kaffeepause.
Diese haben sich alle Beteiligten mehr als verdient, denn: „Das ist ja ein großes Ding, alle rechtzeitig fertig zu haben für die Abfahrt, und die viele Rollstühle einzuladen, ja nichts zu vergessen. Und manche wollten heute Morgen dann doch nicht mehr mit, die waren so aufgeregt. Da gab es so viel zu tun und zu motivieren!“, erzählt Reiseorganisatorin Silvia Parusel-Emmendörfer, im Alltag sonst Hausleiterin des Seniorenzentrums Wilhelmsdorf. Und Sabine Reif von der Diakonie-Sozialstation Wilhelmsdorf berichtet zwischen zwei Schlückchen Kaffee, was für ein großer Tag das für die Bewohnerinnen und Bewohner ist: „Viele verlassen nicht mehr oft das Seniorenzentrum, nur wenn die Angehörigen sie mitnehmen oder wir ein Angebot machen. Und dann so was: wir bieten eine Fahrt auf dem Bodensee, alles komplett organisiert, auch für Senioren mit einem sehr hohen Pflegebedarf, die rundum Unterstützung benötigen! Das ist schon einmalig! Die meisten unserer Bewohnerinnen und Bewohner haben schon lange nicht mehr damit gerechnet, noch einmal einen solchen Ausflug zu erleben“.
Dass die Altenhilfe der Zieglerschen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern diesen einmaligen Ausflug ermöglichen kann, dafür ist in erster Linie der TD Erwerbergesellschaft mbH aus Friedrichshafen zu danken: ohne ihre äußerst großzügige Spende für das Spendenprojekt „Urlaubsmomente“ der Zieglerschen Altenhilfe wäre dieser Ausflug keinesfalls möglich gewesen, wie alle Reisegäste auf dem Schiff noch einmal erfahren. Und auch der persönliche Einsatz der Hausleitungen in Wilhelmsdorf und Bad Waldsee, der Mitarbeitenden und der Ehrenamtlichen der Seniorenzentren ist Grundlage für diese Unternehmung. Um alle logistischen Hürden zu meistern und jung und alt gemeinsam zum Träumen zu bringen, sind rund 30 Schülerinnen und Schüler aus den Mittelkursen der Gotthilf-Vöhringer-Schule, Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe Friedrichshafen, zusätzlich mit dabei. Diese nutzen den Ausflug neben der tatkräftigen Unterstützung der vielen pflegebedürftigen Reisenden gleich noch für ihre eigenen Ausbildung: zum Thema Biographiearbeit befragen sie einige Urlauber nach ihren Erinnerungen an zurückliegende Urlaube und dokumentieren den Ausflug mit vielen Fotos.

Dass dieser ein voller Erfolg ist, steht außer Frage: kaum ist das Kaffeegeschirr abgeräumt, spielt die Musik auf, Schlager aus den 50ern bringen die Leute zum Mitsingen, Schunkeln und Träumen. Während das Schiff über den ruhigen See Richtung Romanshorn gleitet, wird sogar von manchen Schülerinnen das Tanzbein geschwungen, die Stimmung ist ausgelassen. Doch dann wird selbst musiziert: Mitarbeiter teilen eigens liebevoll gestaltete Liederhefte aus, und Brigitte Drewniok, Ehrenamtliche aus dem Seniorenzentrum Bad Waldsee, fordert zum Mitsingen auf. Während sie gekonnt per Mikro viele Schlager und Fahrtenlieder anstimmt, fallen viele Urlaubsgäste in ihren Gesang ein, der von Gitarre oder Keyboard begleitet wird. Überall auf dem Schiff wird gesungen und geklatscht, dazu der Blick aus den Panoramafenstern auf den grauen See und die weiße Gischt der Bugwellen – die Stimmung ist bestens und bei „Rote Lippen soll man küssen“ ist der Alltag weit weg. Viele der Senioren benötigen kein Liedtext, sie singen auswendig mit und ihre Gesichter strahlen. Nach zwei Stunden Fahrt Richtung Romanshorn und im Bogen zurück nach Friedrichshafen wird es langsam etwas ruhiger. Während der Keyboardspieler die Reisegesellschaft mit Schlagern und Walzern zum Träumen bringt, nieselt es draußen. Doch das nimmt kaum jemand wahr, zu sehr versunken sind die Passagiere in fröhliche Unterhaltungen oder schöne Erinnerungen.



Nur am Treppenhaus ist Andrang am Gang: im Dauereinsatz sind die Treppenlifte, die mit einem bequemen Korbsessel oder dem jeweiligen Rollstuhl den Senioren den Zugang zur Toilette auf dem unteren Deck ermöglichen. Es bildet sich eine längere Schlange an den Liften, wo jedoch beste Stimmung herrscht. Das Personal der MS Lindau, das zugegebenermaßen noch nie so oft diese Lifte bedient hat, hilft freundlich und kompetent den „Treppenfahrgästen“, das Pflegepersonal sorgt zusätzlich mit lustigen Geschichten dafür, dass es den Wartenden nicht langweilig wird.

Kurz vor der Ankunft in Friedrichshafen beginnt wieder lebhafte Betriebsamkeit: alle Rollstühle und Rollatoren zusammen mit ihren Nutzern werden auf das Ausschiffen vorbereitet, Musikinstrumente eingepackt, Jacken und Taschen zusammengesucht, letzte Fotos geschossen. Für wehmütige Blicke bleibt keine Zeit, doch das ist auch nicht nötig, denn nach fast drei Stunden Fahrt und Unterhaltung, die Rückfahrt in Bussen in das jeweilige Zuhause noch vor sich, ist es nun auch gut. Die Energie lässt bei den ersten schon etwas nach, schließlich sind Urlaubsreisen manchmal auch etwas anstrengend.
Am Hafen angekommen, setzt sich die Kolonne wieder über die Gangway und den Pier in Bewegung, nun gilt es, die Gruppen wieder vollzählig mit allen technischen Hilfsmitteln in die wartenden Busse zu bringen. Dies ist gar nicht so einfach, bis jeder den richtigen Bus gefunden hat und alle sicher an ihren Plätzen sitzen. Doch die Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen meistern auch diese Aufgabe mit Bravour, unterstützt von den zuvorkommenden Busfahrern, die sich sehr für ihre ungewöhnlichen Fahrgäste engagieren.



Langsam verlassen dann die vielen Busse mit ihren erfüllten Fahrgästen den Hafen, einer nach dem anderen bringen sie nicht nur die Personen sondern auch viele neu gewonnene Urlaubsmomente sicher zurück in die Heimat.
Auf dem Rückweg durch den Hafen zum Bus fasst Klara Schluder, Bewohnerin des Seniorenzentrums Bad Waldsee, ihre Begeisterung mit einem Satz zusammen: „Das war so schön, so schön!“, sagt sie mit leuchtenden Augen während sie den Rollator durch den Pulk der großen Reisegesellschaft schiebt. „Und sagen Sie dem Spender mal einen ganz herzlichen Dank: da hat er mit seinem Geld was richtig Vernünftiges getan!“, fügt sie strahlend noch hinzu und erntet dafür viel Zustimmung von den Reisegenossen.
Da gehen sie hin, die Urlaubsmomente: jeder einzelner Urlauber bereichert durch die Erfahrungen eines einmaligen Ausflugs,  die fröhliche Stimmung in der großen Gemeinschaft, die besondere Atmosphäre einer Schifffahrt – diese Momente bleiben unvergessen.