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29.09.2010

Zukunftsweisendes Bauen für Schüler mit Behinderung

Behindertenhilfe der Zieglerschen weiht Wohngruppenhäuser und Garten der Erinnerung ein


Finja, Schülerin der Haslachmühle, spielt in ihrem neuen Einzelzimmer in Haus Waldösch, welches zusammen mit Haus Aureute nach dreieinhalbjähriger Bauzeit eingeweiht wird. Foto: Katharina Stohr.

Während im Herbst andernorts Früchte von Baum und Acker geerntet werden, fährt die Behinder­tenhilfe der Zieglerschen im Oktober ihre ganz eigene Ernte ein. Nach dreieinhalbjähriger Umbau­phase weiht die Haslachmühle die Wohngruppenhäuser Waldösch und Aureute ein. In 67 hellen und modernen Einzelzimmern finden hier Schüler mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinde­rung ihr stationäres Zuhause. Auch der angrenzende „Garten der Erinnerung", ein Erinnerungsort an verstorbene Bewohner der Haslachmühle, wird an diesem Tag feierlich eingeweiht. Für alle Interes­sierten öffnet die Haslachmühle mit einem Tag der offenen Tür am 2. Oktober 2010 zwischen 13 und 17 Uhr ihre Pforten.

 
Außer Rohbau alles neu

Strahlend weiß und ockergelb hebt sich die Fassade des Hauses Aureute vom blauen Himmel ab. „Von diesem Gebäude blieb nur der Rohbau übrig, der Rest wurde komplett neu gebaut", sagt Heimleiter Manfred Blank, der den Umbau mitbetreut hat. Dasselbe gilt auch für Haus Waldösch, welches ein paar Meter weiter in weiß-grüner Fassade herüber blitzt. Beide Häuser wurden 1977 als Internatsgebäude mit Doppel- und Dreibettzimmern erstellt.

Heute wohnen 64 stationär betreute Schüler mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinderung in hellen, freundlichen Einzelzimmern auf jeweils drei Etagen verteilt. Die Zimmer sind zu zwei Dritteln mit eigenen Nasszellen ausgestattet. Zwei neue Anbauten vergrößern die Nutzfläche auf insgesamt 2475 Quadratmeter. Als Besonderheit bietet Haus Waldösch zusätzlich drei Kurzzeitplätze für teilstationäre Angebote und eine Wohngemeinschaft für ältere Schüler.

Umbau kostet 6,9 Millionen Euro

Rund 6,9 Millionen Euro hat der Umbau verschlungen. Das Gebäude wurde energetisch auf den neuesten Stand gebracht und bietet nun hohe Qualitätsstandards für die Schüler des stationären Bereiches. „Dieser Standard ist ohne öffentliche Förderung nicht zu finanzieren", sagt Willi Hiesinger, Kaufmännischer Geschäftsführer. Das Regierungspräsidium Tübingen hat den Umbau mit mehr als zwei Millionen Euro subventioniert. Weitere Förderer waren die Stiftung Deutsche Behindertenhilfe, das Diakonische Werk Württemberg, die Aktion Mensch und die Klima­schutz- und Energieagentur.

„Zukunftsweisend für stationäre Einrichtungen" fasst Sven Lange, Fachlicher Geschäftsführer, den komfortablen Umbau zusammen, der ferner einen Ansatz zur Individualisierung von Lebensformen für Menschen mit Behinderung darstelle. „Menschen mit schwerer Behinderung erhalten durch die Einzelzimmer persönlichen und intimen Raum für sich, der ausreichend geschützt ist", ergänzt Manfred Blank. Das ermögliche selbstbe­stimmtes Leben. Außerdem verringerten sich dadurch gegenseitige Störungen und soziale Anpassungsprobleme würden nachhaltig reduziert.

Persönliche Wohnbereiche, großzügige Flure und Gemeinschaftsräume bedeuten auch angenehm konzipierte Arbeitsplätze für die Mitarbeiter. Und so manche elterliche Freudenträne habe beim Anblick der neuen Räumlichkeiten schon in den Augenwinkeln gefunkelt, sagt Manfred Blank. „Mit dieser Art von Unterbringung wird den Eltern gezeigt, dass die Gesellschaft für sie und ihre herausfordernde Situation sorgt."

„Vor Gott ist nicht einer vergessen"

Wo so viel Leben herrscht, gehört der Tod natürlicherweise dazu. Der neu angelegte und an Haus Aureute angrenzende „Garten der Erinnerung" dient als Erinnerungsort an verstorbene Bewohner. Porzellan-Täfelchen mit Fotos und Namen der Verstorbenen finden an zwei Natursteinmauern Platz, in der Mitte des Gartens thront ein Basaltstein, der mit seiner Inschrift für sich spricht: „Vor Gott ist nicht einer vergessen". Mitarbeiter, Bewohner und Eltern können hier der Verstorbenen gedenken und ihre Trauer verarbeiten. Denn: „Ein Großteil der Arbeit mit den von uns betreuten Menschen ist Beziehungsarbeit", sagt Manfred Blank. Was heute kreisförmig als Mühlstein und Wasserrad ange­legt und mit Rosen, Lavendel und Wildblumen bepflanzt und eingerahmt ist, wurde vor fünf Jahren als Mitarbeiteridee ins Leben gerufen und in ehrenamtlicher Initiative umgesetzt.

Katharina Stohr

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