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12.06.2009

Wenn Bretter die Welt bedeuten

Zirkus Mühlani und Rotach-Hi begeistern bei Special Olympics


Spannung vor und hinter der Bühne: Hier wird noch schnell letzte Hand angelegt, dann geht's raus ins Schweinwerferlicht ... Foto: Katharina Stohr

Zirkusdirektor Klaus legt an diesem Abend einige Meter Wegstrecke zurück. Mit goldenem Hut auf dem Kopf, leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper und dem Mikro in der Hand, stürmt er durch den schwarzen Vorhang in die Manege, läuft über die Bretter ganz vor, bis an den Rand, dahin, wo die vielen Menschen sitzen. Dort bleibt er stehen, schaut in die Menge, kündigt jede einzelne Artistengruppe an und endet jeweils laut mit den Worten „Manege frei, Manege frei.“ Und noch einmal: „Maneeeeeeege frei“. Schnell läuft er zurück und verschwindet wieder hinter dem Vorhang.

Hinter, vor und in der Manege: Rund 100 Artisten der integrativen Zirkusse Mühlani und Rotach-Hi bieten am 12. Juni 2009 ein zweieinhalbstündiges Programm im Zirkuszelt auf dem Gelände des Bildungszentrums Wilhelmsdorf. Auch der dritte offizielle Tag des Special Olympics Invitational Unified Volleyballturniers will mit einem Abend der Extraklasse beendet werden. Die beiden Zirkusse der Zieglerschen Behindertenhilfe kooperieren seit Jahren mit Regelschulen und Vereinen der Umgebung. Somit bewegen sich nicht nur Schüler und Schulkindergartenkinder der Haslachmühle, der Heimsonderschule für Menschen mit Hör-/Sprachbehinderung und zusätzlicher geistiger Behinderung und Bewohner des Rotachheims der Behindertenhilfe in der Manege. Gymnasiasten und Kindergartenkinder aus Wilhelmsdorf, Grundschüler aus Illmensee, Trampolinspringer des TV Weingarten und Sportler der TSG Wilhelmsdorf sind ebenso mit dabei. Sie alle machen das, was Integration ermöglicht: Menschen mit Behinderung teilhaben lassen. Am Leben und am Spaß.

Die Leiter unter die Arme geklemmt, laufen die „Gerüstbauer“ im Blaumann und mit gelbem Bauhelm in die Manege ein. Dort stellen sie in Windeseile ein Gerüst auf, klettern daran hoch, positionieren sich und winken den mehr als 600 Besuchern im voll besetzten Zelt zu. Plötzlich taucht eine junge Frau im roten Kleid auf, das Lied „One Vision“ von Queen durchdringt das Zelt. Die Bewohnerin des Rotachheims beginnt vor den Gerüstbauern zu tanzen. Sie dreht sich und schwebt durch die Manege, scheint in der Musik völlig aufzugehen und schwingt dabei gekonnt zwei gelbe Seidenschals durch die Luft. Die ausgeklügelte Lichttechnik des Zirkuszeltes tut ihr übriges dazu, um die Zuschauer in den Bann zu ziehen. „Jeder Artist kann sich in unserem Zirkus die Nummer heraussuchen, mit der er sich wohl fühlt“, sagt Helge Afflerbach, der den Zirkus Rotach-Hi seit Jahren betreut. Die Wirkung dieser selbstbestimmten Auswahl spreche auf der Bühne für sich: „Das sind dann die sprichwörtlichen Bretter, die für manche Leute die Welt bedeuten.“

Bretter liegen einige auf dem Boden, in dieser Manege. Unterschiedlichste Artisten laufen darüber und stehen darauf. Menschliche Raubtiere, Pinguine und Vögel etwa sind genauso zu sehen wie echte Tiere. Draußen vor dem Zelt grasen etwas abseits zwei Kleinpferde der Reittherapie der Haslachmühle. Schnell werden dem weißen Pony noch Blümchen in die geflochtene Mähne gesteckt. 100 Meter weiter balgen sich zwei Hunde auf der Wiese. Junge Artisten stehen dabei und sehen diesem Spiel lachend zu. Lutz, ein Haslachmühle-Schüler, macht sowohl bei der Pferde-Nummer als auch bei der Hunde-Nummer mit. Weil er nicht sprechen kann, gebärdet er auf die Frage, was für ihn am heutigen Abend das Besondere sei: „die vielen Leute, mit den Hunden zusammen sein, die Pferde sind da, das große Zirkuszelt, das Wetter passt.“

Und das Besondere für Helge Afflerbach? „Das Tolle am Zirkus ist, dass es keinerlei Beschränkungen gibt, außer die in unseren eigenen Köpfen.“ Wenn ausgerechnet der Taubblinde Hochseiltänzer werden wolle, dann müsse man ihn machen und ausprobieren lassen. Glück für die Zuschauer, dass dies so ist. Andernfalls müssten sie auf eine spannende und aufregende Darbietung verzichten. Die Hochseiltänzer erhalten begeisterten Applaus, wie auch alle anderen 14 Artistengruppen, beispielsweise die Trommler, Straßenfeger, Akrobaten oder Clowns oder die Big-Band der Realschule Wilhelmsdorf, die kräftig mit einheizt. Und natürlich auch Zirkusdirektor Klaus: „Maneeeeeege frei!“

Katharina Stohr

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