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10.06.2009

Wilhelmsdorfer Funke springt

Eröffnung des 2. Special Olympics Invitational Unified Volleballturniers


Freudentaumel in Wilhelmsdorf: Ein deutsches Athleten-Partner-Paar hat das Special Olympics Feuer entzündet. Foto: Katharina Stohr

Mit einem feurigen Programm hat am 10. Juni 2009 abends das Unified Volleyball Tournament 2009 in Wilhelmsdorf begonnen. 130 Sportler mit und ohne Behinderung aus neun Nationen standen im Mittelpunkt, als die Flamme für das Special Olympics Volleyball entzündet wurde. Für 400 freiwillige Helfer, Betreuer und eifrige Organisatoren ist dabei ein lang ersehnter Tag endlich Realität geworden: Das Wilhelmsdorfer Feuer für gelebte Integration brennt. Der Funke springt an diesem Abend mehrfach über.

„Dance into the light“ - Phil Colins' Stimme tönt durch das Zirkuszelt auf dem Pausenhofgelände der Realschule Wilhelmsdorf. Rund 600 Besucher verfolgen die akrobatische Vorführung von Schülern der Klasse 11 des Gymnasiums Wilhelmsdorf und der Haslachmühle. Schüler mit und ohne Behinderung bilden Pyramiden, der eine steht auf den Schultern des anderen, eine Haslachmühle-Schülerin balanciert kniend davor am Boden und schaut strahlend in die Zuschauermenge. Integration, Miteinander und Gemeinschaft in allen Bereichen: Die TSG Wilhelmsdorf und die Zieglerschen richten gemeinsam das 2. Special Olympics Invitational Unified Volleyballturnier aus. Sportler mit Behinderung (Athleten) und Sportler ohne Behinderung (Partner) werden in gemischten Volleyballteams drei Tage lang in verschiedenen Spielen ihr Bestes geben. Schüler, Ehrenamtliche, Betreuer, Organisatoren, Sponsoren und das Dorf – alle sind beteiligt, unterstützen, feuern an und helfen mit.

Achtung voreinander stehe vor dem Erreichen gewisser Spielziele, so Michael Stäbler, Mitorganisator des Turniers. „Die Grenzen zwischen Behinderung und Nichtbehinderung lösen sich im Sport auf. Menschen mit Behinderung nehmen sich dadurch als gleichberechtigte Personen wahr.“ Grenzen lösen sich bereits auf, als prominente Besucher die verschiedenen Teams beim Einmarsch ins Zelt begleiten. Einer davon ist MdB Dr. Andreas Schockenhoff, der mit den libanesischen Gästen einläuft. „Packende Spiele und tolle Begegnungen“ – das wünscht er der Veranstaltung und erklärt die Special Olympics 2009 für eröffnet. Gemeinsam mit MdB Martin Gerster hat er die Schirmherrschaft für das Turnier übernommen. „Unified ist großartiger Mannschaftssport, bei dem jeder Anteil am Erfolg hat“, sagt Schockenhoff.

Rund 20.000 Kilometer Reisestrecke per Flugzeug, Zug oder Bus seien insgesamt nötig, damit die Teams der verschiedensten Nationen in Wilhelmsdorf aufeinandertreffen können, sagt Helmut Müller, Lehrer am Gymnasium Wilhelmsdorf in seiner Moderation. Gemeinsam steht er mit Heather Lächele von der Haslachmühle, der Heimsonderschule für Menschen mit Hör-/Sprachbehinderung und zusätzlicher geistiger Behinderung der Zieglerschen Behindertenhilfe auf der Bühne. Sie übersetzt auf Englisch, Gunda Dzubiel gebärdet als dritte Moderatorin für die Menschen, die Lautsprache nicht verstehen. Für jeden ist die passende Kommunikation dabei. Russisch aus der einen Ecke, Türkisch aus der anderen. Ein junger Mann verirrt sich versehentlich in die Damentoilette – er ist fremd hier, kann nur gebrochen Englisch sprechen und will wissen, weshalb es hier keine Papierhandtücher gibt. Am Ende versteht man sich. Mit Händen und mit Füßen.

Wertschätzende Grußworte werden an diesem Abend gesprochen. Die Redner sind sich einig: Dieses Turnier ist etwas Besonderes. „Ein internationales Volleyballturnier passt gut nach Wilhelmsdorf“, sagt Bürgermeister Dr. Hans Gerstlauer und bedankt sich bei allen Organisatoren, Sponsoren und freiwilligen Helfern, ohne die das Special Olympics in Wilhelmsdorf nicht möglich wäre. Die Teilhabe aller Menschen an Chancen und Möglichkeiten des Lebens entspreche dem Olympischen Gedanken. Angesichts der zahlreichen internationalen Gäste, die nach Wilhelmsdorf gekommen sind, sei er „stolz und glücklich“, sagt Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen. „Wir wollen ein Stück weit von Ihnen lernen, wie Menschen mit mehr oder weniger Behinderung im Sport miteinander kämpfen.“ Willi Metzger, Vorstand der TSG Wilhelmsdorf drückt zudem seinen „Stolz auf die 400 Freiwilligen Helfer“ aus.

Worte wie „Integration“ begleiten die Eröffnungsfeier auf vielfache Weise. Fritz Wurster, Länderratsvorsitzender der Special Olympics Deutschland betont in seinen Grußworten, dass „unified“ gelebte Inklusion sei. Die „Trampolinis“ zeigen kurz darauf, wie es geht. Rollstuhl auf dem Trampolin? Eine entsprechende Partnerschaft macht's möglich. Sieben Haslachmühle-Schüler trainieren einmal monatlich mit den Trampolinspringern des TV Weingarten, öffentliche Aufführungen sind sie gewohnt. Als eine junge Frau mit ihrem Rollstuhl auf ein Trampolin gehoben und auf dem Rollstuhl angeschnallt wird, halten viele Zuschauer die Luft an. Kurz darauf springt sie mitsamt Rollstuhl auf dem Trampolin Seil und kommt dem Sternenhimmel des Zirkuszeltes dabei ein Stück näher. Ihre Augen leuchten.

Noch heller leuchtet die Flamme der Fackel, die im Herzstück der Eröffnungsfeier von einem deutschen Athleten-Partner-Paar hereingetragen wird. Nachdem die Special-Olympics-Flagge gehisst und der Eid geleistet wurde, warten nun alle unified-Besucher auf den Moment, in dem das Special Olympics Feuer entzündet wird. Als die Fackel ein Flammenmeer in der Schale entzündet, jubeln und applaudieren die Menschen. Feierliche Klänge der Wilhelmsdorfer Musikkapelle unterstreichen das Ereignis. Die Fackelträger fallen sich in die Arme.

Heiße Rhythmen der „Bluesblasters“ sorgen nach der Eröffnungsfeier für Bewegung auf der Tanzfläche. Während sich dort die Teams aus den neun verschiedenen Nationen weiter vermischen, findet wenige Meter nebenan im Bürgersaal des Rathauses ein VIP-Empfang, eröffnet von Bürgermeister Dr. Hans Gerstlauer, statt. Eva-Maria Meschenmoser, Stellvertreterin des Landrats, übermittelt die offiziellen Grüße des Landkreises Ravensburg. Wilhelmsdorf sei „eine der Perlen des Landkreises“, so die Erste Landesbeamtin. Integration und Miteinander behinderter und nichtbehinderter Menschen sei hier vorbildlich und gehöre wie selbstverständlich zum Alltag. Viel Erfolg, Spaß und gutes Miteinander wünscht auch Norbert Zeller, MdL. Er hebt hervor, dass in diesem Dorf alle an einem Strang ziehen: „Wilhelmsdorf, die Inklusionsgemeinde.“ Sportkreisvorsitzender Rainer Kapellen zeigt sich bewegt: „Das Herz ist voller Freude, wenn man diese Begeisterung, Motivation und Freude sieht. Das ist toll.“ Und Thomas Reinecke, Geschäftsführer von Special Olympics Deutschland freut sich schon jetzt auf das nächste Event in Wilhelmsdorf. Er komme gerne wieder zu einem Unified-Turnier hierher.

Katharina Stohr

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