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17.05.2011 - Wilhelmsdorf

Wenn schlummernde Fähigkeiten zu vollem Leben erwachen

Integrative Zirkusfortbildung für Menschen mit und ohne Behinderung in Wilhelmsdorf


Im gemeinsamen Training mit Bruno Zühlke erfuhren Menschen mit und ohne Behinderung die speziellen Erfordernisse, Möglichkeiten und Grenzen der Zirkusarbeit. (Foto: Helge Afflerbach)

Einmal ein Clown sein und die Leute mit seinen Späßen erfreuen, einmal so fingerfertig zu sein, um die Bälle jonglierend durch die Lüfte wirbeln zu können – wer wünscht sich das nicht? Sich einen Rest an kindlichem Gemüt zu bewahren und sich nach der Faszination der zirzensischen Welt zu sehnen- davon dürfen Menschen mit und ohne Behinderung träumen. Doch Träume können mitunter auch wahr werden. Bester Beweis dafür ist das Konzept der „Integrativen Zirkusfortbildung“, das die Behindertenhilfe der Zieglerschen – sie verfügt dank ihrer Zirkusensembles „Mühlani“ und „Rotach-Hi“ über langjährige Erfahrung in diesem Bereich- gemeinsam mit der TSG Wilhelmsdorf und dem Sozialpädagogen Bruno Zühlke, bekannt auch als anerkannter Theaterpädagoge und künstlerischer Therapeut, entwickelt hat. Menschen mit und ohne Behinderung erfahren im gemeinsamen Training die speziellen Erfordernisse, Möglichkeiten und Grenzen der Zirkusarbeit und beschäftigen sich über mehrere Tage hinweg intensiv mit Elementen aus den Bereichen Clownerie, Jonglage, Akrobatik und Equilibristik – da bleibt viel Raum für Individualität und das Wecken von ungeahnten, vielleicht lange schlummernden Fähigkeiten. Schauplatz: Sporthalle im Haus Höchsten in Wilhelmsdorf. „Erst mal richtig warm werden“, ruft Bruno Zühlke seiner innerlich bereiten Gruppe zu. Max, William, Lena, Sven, Daniel, Uwe, Christine, Niklas und Helga spielen „Luftklavier“, um die Finger beweglicher zu machen. Man sieht aufmerksame Bewohner und Schüler der Haslachmühle, aber auch Lehrer, einen angehenden Sportstudenten, einen Praktikanten aus der Realschule und andere – insgesamt also ein breites Feld von Beteiligten. Wem „bringt“ diese öffentlich ausgeschriebene Fortbildung mehr – Menschen mit oder ohne Behinderung? Wer lernt von wem? Wer kann was besser? Viele Fragen, die unter Umständen völlig neu beantwortet werden. Mit einem Ball im Nacken über eine Bank balancieren? Gar nicht so einfach. „Jetzt ein bisschen schwerer“, gibt Bruno Zühlke den Takt vor. „Wenn der Ball an seinem höchsten Punkt ist, klatschen wir und versuchen, ihn mit einer Hand zu fangen.“ „Die Konzeption, Menschen mit und ohne Behinderung in die Zirkusfortbildung mit einzubeziehen, hat sich seit Jahren gut bewährt“, sagt Helge Afflerbach vom Sportbereich der Behindertenhilfe Wilhelmsdorf. Lernen, sich in eine fremde Gruppe zu integrieren, sich auf neue Dinge zu konzentrieren, eigene Ideen entwickeln – vieles ist gefragt, vieles ist möglich. „Unsere Aufgabe ist es, vorhandenes Potential zu entdecken und zu fördern. Wenn man nicht unter Zeitdruck ist, kann man das Besondere hervorbringen“, betont Helge Afflerbach. Wenn dann nach jahrelanger Zirkusarbeit ganz neue Identitäten entstehen – warum nicht? Uwe ist längst ein kaum überbietbarer Charlie Chaplin geworden, William ein Meister der Mimik und Christine lebt auch im Alltag als Tänzerin auf. Am letzten Tag der Fortbildung gibt’s wie immer eine „Werkstattaufführung“ mit großem Publikum. Für alle Beteiligten ein echtes Highlight. Auch Helga ist mit Begeisterung dabei. „Probier‘s doch auch einmal“, gibt sie der neugierigen Fragestellerin als Ratschlag mit auf den Weg. „Ich hab am Anfang auch Angst vor den Bällen gehabt. Da muss man sich einfach ein bisschen überwinden und dann klappt das schon.“

Brigitte Geiselhart

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