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14.06.2010

"Einmal der sein, der ich bin"

Segelfreizeit für Geschwister von behinderten Kindern sorgt für frischen Wind


Segeln, Reden, verwöhnen lassen: Die Segelfreizeit der Behindertenhilfe bietet Geschwistern behinderter Kinder Raum für sich selbst. Foto: Stefan Geiger

„Leinen los“ heißt es für 15 Jugendliche bei einem Segeltörn der Behindertenhilfe der Zieglerschen vom 23. bis 25. Juli 2010 auf dem Bodensee. Was sie verbindet: Sie alle haben eine behinderte Schwester oder einen behinderten Bruder. Das hinterlässt Spuren, sowohl im Familienleben als auch im Alltag der jungen Menschen aus Süddeutschland und Hessen.

Behinderte Geschwister fordern ganze Familie

Martin* sitzt am Ufer des Bodensees, es ist Samstagabend im Juli 2008, dunkle Wolken kleben am Himmel. „Hier ist der einzige Ort, das sage ich dir ganz ehrlich, der einzige Ort, wo ich mal ein paar Tage der sein kann, der ich bin“, sagt der 14-Jährige. Zuhause fordert der behinderte Bruder den vollen Einsatz: Die Eltern sind mit zusätzlicher Betreuung, Arzt- und Therapeutenbesuchen überlastet und oft am Rand ihrer Kräfte. Für Martin bleibt wenig Zeit.

So wie ihm geht es vielen anderen jungen Menschen auch, die ein behindertes Geschwisterkind haben. Sie stecken zurück, wollen die Eltern nicht zusätzlich mit ihren eigenen Problemen belasten, werden wegen ihrer Geschwister von Schulkameraden gehänselt und können oft keine Freunde mit nach Hause bringen. „Ich konnte ja sehr gut verstehen, dass es nicht anders ging und hatte von daher zu Hause auch kaum was dagegen gesagt, sondern einfach geschluckt, geschluckt, geschluckt“, beschreibt ein anderer Teilnehmer seine Lage, „äußerlich habe ich zugestimmt, innerlich gekocht.“

Über Probleme reden können

„Geschwister behinderter Kinder sind mit der Situation innerhalb der Familie oft bis zum Anschlag gefordert“, sagt Stefan Geiger, der die Segelfreizeit leitet und organisiert. Vielen fehle vor allem die Möglichkeit, offen über ihre Gefühle zu sprechen: „Zuhause ist die Hauptsache, dass man funktioniert und Freunde verstehen diese speziellen Probleme meist nicht.“ Der Segeltörn soll den Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren Auswege zeigen. Unter dem Motto „Wir sitzen alle in einem Boot“ können sie sich untereinander austauschen und mit pädagogischen Begleitern sprechen. „Für viele Teilnehmer ist es das erste Mal, dass sie über ihre behinderten Geschwister reden. Sie müssen dieses Reden erst einmal buchstabieren lernen“, sagt Geiger.

Die geknüpften Kontakte halten oft über das Segelwochenende hinaus. „Etwa ein Drittel der Jugendlichen will sich nach dem Wochenende gerne weiter begleiten lassen“, sagt Geiger. Für ihn bedeutet dies rund 70 bis 80 Einzelkontakte über das Jahr verteilt, telefonisch, per E-Mail oder persönlich. Zusammen gerechnet stecken die Mitarbeiter ungefähr 300 ehrenamtliche Stunden pro Jahr in dieses Projekt. „Für mich ist es wunderbar zu erleben, wie sich die Jugendlichen während des Wochenendes weiterentwickeln und zum Reden aufmachen“, sagt Geiger.

Mit sechs Booten unterwegs

Der Verwöhn-Aspekt steht über der ganzen Freizeit: Im Hafen grillen, leckeres Eis in Überlingen essen, bummeln, schwimmen und auf den Booten schlafen. Auf insgesamt sechs Booten werden die Jugendlichen im Juli über den See fahren, begleitet von je einem Skipper und Stefan Geiger und seinem pädagogischen Team. Besonderheit in diesem Jahr: Sechs „Seniorengeschwister“, die bei den ersten Segelfreizeiten vor elf Jahren teilgenommen hatten und heute alle über 20 Jahre alt sind, werden auf einem Boot mit segeln. Getragen wird das Segelwochenende von der Behindertenhilfe der Zieglerschen und dem Segel- und Regattaverein Ludwigshafen.


* Name geändert 

Katharina Stohr

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