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13.01.2011 - Wilhelmsdorf

Ein Pionier und Wegbereiter der Gebärdensprache

Ernst Blickle, langjähriger ehemaliger Schulleiter der Haslachmühle, feiert seinen 80. Geburtstag


Er kann mit Fug und Recht als ein Pionier und schulischer Wegbereiter der Gebärdensprache bezeichnet werden: Ernst Blickle aus Wilhelmsdorf feiert am 17. Januar seinen 80. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! (Foto: Brigitte Geiselhart)

Die Nachrichten bei Phoenix. Das Vater Unser oder der Psalm vom Guten Hirten in modernen Gottesdienstformen. In Welt und Kirche hat die Kommunikation über visuelle Zeichen oder Gebärden Einzug gehalten und ist in vielen Bereichen längst akzeptiert und sogar zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch das war nicht immer so. „Es gab Zeiten, in denen die Gebärdensprache offiziell sogar verboten war“, sagt einer, der es wissen muss. Ernst Blickle kann mit Fug und Recht als ein Pionier und schulischer Wegbereiter der Gebärdensprache für Menschen mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinderung bezeichnet werden. Im Gegensatz zur „Deutschen Gebärdensprache“, die eine völlig eigene Sprache mit feiner Grammatik, sehr feinen Handbewegungen, Mimik und Gestik ist, setzt sich diese Sprache aus Einzelgebärden zusammen und wird durch die Lautsprache unterstützt. Am 17. Januar darf der ehemalige langjährige Schulleiter der Heimsonderschule Haslachmühle seinen 80. Geburtstag feiern und auf eine Zeit zurückblicken, die in vielerlei Hinsicht prägend war – nicht nur für den Jubilar selber.

Der Entschluss, Lehrer zu werden, reifte früh in dem jungen Mann, der auf der rauen Alb in Winterlingen in einer kleinbäuerlichen Familie zusammen mit drei Brüdern groß geworden war. Nach der Mittleren Reife in Albstadt-Ebingen folgte der Besuch des Aufbaugymnasiums in Bad Saulgau und Nagold und schließlich das Studium zum – wie es seinerzeit hieß – „Volksschullehrer“ in Weingarten. Schon damals fühlte sich Ernst Blickle dem sozialen Aspekt seines Berufs verpflichtet – Kontakte nach Weißenau, Liebenau und zur Gehörlosenschule in Wilhelmsdorf ergaben sich schnell. „Im Zweiten Weltkrieg durften in der Gehörlosenschule nur noch ‚bildungsfähige Gehörlose’ aufgenommen werden, aber keine geistig behinderten, sogenannte Pfleglinge“, berichtet Blickle aus einem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte. Dass der damalige Hausvater Hermann sich gegen die „Entsorgung von behinderten Menschen“ gewehrt und keine Berichte mehr an die Behörden weitergegeben hat, auch daran erinnert sich Ernst Blickle. Die Antipathie gegen die Gebärdensprache war auch in Fachkreisen lange Zeit weit verbreitet, weil man glaubte, sie behindere das Erlernen der für gehörlose Kinder nur schwer wahrnehmbaren Lautsprache. Allgemeingültige Verbote waren die Regel, auch drastische Strafen waren in einige Schulen keine Seltenheit. Kindern wurde beigebracht, sich für den Gebrauch von Gebärden zu schämen. Traurige Tatsachen, mit der sich der Pädagoge Ernst Blickle gerade bei der Erziehung von Menschen mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinderung nicht abfinden wollte und konnte. Doch dazu musste zunächst ein schwieriger und manchmal steiniger Weg beschritten werden. Der Junglehrer stieß schnell an seine Grenzen, als er 1952 in Wilhelmsdorf anfing und der damalige Schulleiter Wilhelm Stempfle wenige Wochen später mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus lag. Das Zusatzstudium der Gehörlosen-, Schwerhörigen- und Sprachheilpädagogik in Heidelberg war für Blickle unerlässlich. Die Rückkehr nach Wilhelmsdorf, später die neue berufliche Herausforderung an der Staatlichen Schwerhörigenschule in Nürtingen waren weitere Stationen, bevor der inzwischen verheiratete Familienvater im Dezember 1966 die Schulleitung der zur Behindertenhilfe der Zieglerschen gehörenden Heimsonderschule Haslachmühle übernahm.

„Zusammen mit meiner lieben Kollegin Heidi Ziegler, die als Sonderschullehrerin ausgebildet war, durfte ich die Schule aufbauen. Wir haben uns ausgezeichnet ergänzt“, sagt der Jubilar dankbar. Zwei Lehrer und 16 Schüler – der bescheidene Anfang war gemacht. Als Ernst Blickle am 1. Januar 1994 in den Ruhestand verabschiedet wurde, hatte er 45 Kollegen und stolze 156 Schülerinnen und Schüler um sich – was für eine Entwicklung! „In der Haslachmühle kann jeder etwas tun. Was? Das herauszufinden ist unsere Aufgabe.“ An diesen Satz, den Heidi Ziegler geprägt hat, wird stets gerne zurück gedacht. „Natürlich haben wir anfangs auch versucht, den mehrfach behinderten Gehörlosen einen Minimalwortschatz beizubringen“, erzählt Ernst Blickle. „Viele Artikulationsversuche endeten aber in restloser Überforderung.“ Schon Ende der 60er Jahre hatte man in Kontrollgruppen in Wilhelmsdorf und Haslachmühle festgestellt, dass sich das Kommunikationsvermögen der Schüler mit Hilfe von Gebärden eindeutig schneller entwickelte. Ein Meilenstein war 1971 die Herausgabe des ersten Gebärdenbuchs „Wenn man mit Händen und Füßen reden muss“ -was offiziell immer noch verboten war. „600 Gebärden mit Synonymen – vervielfältigt wurde mit einer Handkurbel“, weiß Ernst Blickle noch ganz genau. „Die Gesten wurden drei Jahre lang gesammelt und damals noch von Hand gezeichnet.“ Dass die Umstellung auf Gebärdensprache wichtig und auch richtig war, zeigte sich schnell. „Das war wie eine Initialzündung. Andere Schulen haben uns das Buch regelrecht aus den Händen gerissen.“ Auch in anderen Einrichtungen sind weitere Bücher entstanden. Die erste visuelle Kommunikation erschien 1985 – Blickles Sohn Frieder war als Fotograf beteiligt. 1991 kam „Schau doch meine Hände an“, das mittlerweile weit verbreitete Standardwerk des Bundesverbandes evangelischer Behindertenhilfe in Zusammenarbeit mit den Zieglerschen auf den Markt.

Ernst Blickle hat stets den Kontakt zu allen Klassen und das kollegiale Verhältnis zu allen Lehrern gesucht, war Fachschulrat und hat dennoch unzählige Krankheitsvertretungen selbst übernommen – und sich nicht davor gescheut, notwendige Neubauten mit in Angriff zu nehmen. Aktiv ist er auch im Ruhestand geblieben, etwa als Vorsitzender des Betreuungsvereins. Bis zum 75. Lebensjahr hat er mehr als 100 Gebärdenkurse gehalten, unter anderem für neue Mitarbeiter und Eltern an der Heimsonderschule Haslachmühle, für Heilerziehungspfleger in der Ausbildung, aber auch an Schulen und der Berufsakademie in Villingen-Schwenningen. „In kleinen Schritten weitergehen und alle Tage das tun, was notwendig ist.“ Ein Satz, der für Ernst Blickle auch mit 80 Jahren noch seine Gültigkeit hat.

Brigitte Geiselhart

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