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02.12.2010 - Wilhelmsdorf

„Schau doch meine Hände an“ gibt’s jetzt auch in mongolischer Sprache

Außergewöhnliche Projektidee verwirklicht


Peter Stache, Kanzler der Deutschen Botschaft in der Mongolei (ganz rechts) überreicht ein druckfrisches Exemplar des Gebärdenhandbuches "Schau doch meine Hände an" in mongolischer Sprache an Thomas und Monika Stoll (2. u. 3. v. rechts) sowie Fachschuldirektor Bernd Eisenhardt (links) von der Haslachmühle. (Foto: Wilfried Geiselhart)

Ein paar Monate im Ausland verbringen – und dabei Gutes tun. Dieser Gedanke stand für Marion und Thomas Stoll am Anfang. Als die beiden Heilerziehungspfleger aus Friedrichshafen im Frühjahr dieses Jahres ihre Reise in die Mongolei antraten, hatten sie vieles im Gepäck – das Standardwerk „Schau doch meine Hände an“ der Zieglerschen Behindertenhilfe war auf Anraten von Manfred Blank, Heimleiter im Bereich Haslachmühle auch dabei. Dass sich daraus eine außergewöhnliche Projektidee entwickeln und dass das Gebärdensprachbuch ins Mongolische übersetzt werden sollte, daran war zunächst allerdings nicht zu denken In Ulan Bator trafen die beiden auf extreme Luftverschmutzung, unglaubliche Temperaturunterschiede, ganze Stadtviertel ohne Elektrizität und fließendes Wasser, auf Menschen, die unter der Erde auf Fernwärmerohren leben – eben eine völlig andere Welt, in der auch Menschen mit Behinderung weder in Gesellschaft noch in Arbeitsprozesse integriert sind. „Auf Individualität und Persönlichkeit wird dort nicht eingegangen“, sagen Marion und Thomas Stoll. Durch eine Arbeitskollegin aus dem Landratsamt des Bodenseekreises, wo Stoll für die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung zuständig war, kam der Kontakt zu deren Vater Peter Stache, Kanzler der Deutschen Botschaft in Ulan Bator, und damit auch zum „Rainbow Center“ – einer Schule für geistig Behinderte als „Non Governmental Organisation (NGO)“ – zustande. Dort engagierten sich die beiden Friedrichshafener beim Erstellen von Bildungsplänen und Kompetenzanalysen. Eine allgemein gültige Gebärdensprache? Womöglich sogar ein Gebärdensprachbuch? In der Mongolei bisher Fehlanzeige. „Darauf wurden wir immer wieder angesprochen“, erzählen Marion und Thomas Stoll. Und so entwickelte sich Schritt für Schritt eine bemerkenswerte Interessengemeinschaft. „Nicht aus unserem Wunschdenken heraus, sondern aus dem Bedürfnis der Mongolen – das macht die Zusammenarbeit umso wertvoller“, so die gemeinsame Erkenntnis. Ein Projektantrag bei der Deutschen Botschaft zur Übersetzung von „Schau doch meine Hände an“, konnte schnell gestellt und genehmigt werden, nachdem auch Bernd Eisenhardt, Manfred Blank und Werner Dudichum im Auftrag der Zieglerschen Behindertenhilfe große Bereitschaft zur Kooperation signalisierten. Wichtige landestypische Worte wie etwa „Jurte“, „Dschingiskhan“ oder „Pferdekopfgeige“, nicht zuletzt das kyrillische Alphabet - bei der Erstellung des ersten mongolischen Gebärdensprachbuchs mussten viele Besonderheiten berücksichtigt werden. Eine passende Druckerei zu finden, deren Besitzer gar in Hannover studiert hat, eine Werkstatt ausfindig zu machen, in der vier gehörlose junge Frauen arbeiten, alles fügte sich fast schicksalhaft zusammen – und so konnten vor wenigen Wochen in der Deutschen Botschaft in Ulan Bator 30 druckfrische Exemplare in gute Hände übergeben werden. „Die Nachhaltigkeit des Projekts war unsere größte Sorge“, berichten Marion und Thomas Stoll, die bereits deutliche Erfolge in der Kommunikationsfähigkeit der Menschen ausmachen, die vom Gebärdensprachbuch schon nach kurzer Zeit eindeutig profitieren. Nach ihrer Rückkehr stand deshalb auch ein Treffen in der Haslachmühle an. „Die Unterstützung anderer Einrichtungen hat bei uns eine große Tradition“, sagt Manfred Blank. „Es war uns immer schon ein Anliegen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen – ganz im Sinne unseres diakonischen Selbstverständnisses.“ Schon jetzt freut man sich deshalb auf den Besuch einer mongolischen Lehrerin, die um die Weihnachtszeit zu Gast sein wird, um den Kontakt zu vertiefen. „Beratung, Unterstützung und Freundschaft - das wollen wir gerne anbieten“, betont Manfred Blank.

Brigitte Geiselhart

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