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05.12.2009

Außenklassen der Haslachmühle in Wilhelmsdorf eröffnet

Behinderte und nicht behinderte Kinder lernen gemeinsame Sprache


Pit Niermann, Rektor der Heimsonderschule Haslachmühle, begrüßte beim Einweihungsfest die zahlreichen Gäste. (Foto: Annette Scherer)

Gute Eltern sind daran zu erkennen, dass sie ihre Kinder loslassen. Was die Heimsonderschule Haslachmühle mit Beginn dieses Schuljahres gemacht hat, ist genau dasselbe. Sie hat es 17 ihrer Schüler ermöglicht, sich vom Schulbetrieb der Haslachmühle abzunabeln und- soweit wie möglich- in den normalen Schulbetrieb in Wilhelmsdorf einzutauchen. Ende November wurde das neu renovierte Haus Palas in Wilhelmsdorf festlich seiner Bestimmung als Heimat von zwei ausgelagerten Klassen der Haslachmühle übergeben.

Donnerstagmittag, Haus Palas hinter dem Wilhelmsdorfer Schulkomplex der Regelschulen. Rund zehn Fünftklässler des Gymnasiums haben sich dafür entschieden, in einer AG mit den Schülern der Haslachmühler Außenklasse deren Gebärdensprache zu lernen. Alle sitzen sie im Kreis auf dem Boden. Bunt gemischt, wie zu erfahren ist, nicht in Blöcken- obwohl sie sich am vergangenen Donnerstag doch zum ersten Mal kennen gelernt haben. Sonderpädagogin Christine Feyrer leitet ein Spiel an, in dem es darum geht, sich zu erinnern, welche Namensgebärde jedem Kind letztes Mal zugeordnet worden ist. Pia ist neu dabei. Sie trägt ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Deshalb ist ihre persönliche Namensgebärde gleich gefunden: Zeigefinger und Daumen deuten einen Haarschwanz am Hinterkopf an. Dem Besucher von der Zeitung wird natürlich eine schreibende Gebärde zugeordnet.
Der Heimsonderschule Haslachmühle, die nur hör-sprachbehinderte Schülerinnen und Schüler mit einer geistigen Behinderung besuchen, ist, so ihr Direktor Pit Niermann, daran gelegen, das Menschenmögliche für die geistige und soziale Förderung ihrer Kinder zu tun. „Wir möchten", so Niermann, „alle Entwicklungsmöglichkeiten unserer Kinder ausschöpfen. Dazu ist die Beschulung in Klassen außerhalb der Haslachmühle in unmittelbarer Nähe zur Regelschule eine feine Sache.“
Im Grundschulbereich gibt es bereits seit Jahren eine Außenklasse an der Regelgrundschule Ilmensee. „Außenklasse“ heißt im Grunde: soviel Trennung wie nötig und soviel Integration wie möglich. Also: getrennte Klassenzimmer, getrennte Lehrpläne. Aber viel Gemeinsames in Sport, Spiel und Freizeit.
Um diesen Entwicklungsfaden auch für die 10- bis 24-jährigen Haslachmühler weiterspinnen zu können, wurde nach einem Schulort in der Nachbarschaft von Regelschulen gesucht und im Haus Palas auch gefunden.
Zurück zum gemeinsamen Lernort Gebärdensprache. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, sitzen nahe beieinander auf dem Boden. Jeder legt dem anderen liebevoll den Arm um die Schultern. Mitten im Unterricht. Einfach so. Und keiner findet es doof oder kichert. Anfänglich ist nicht zu erkennen, wer von beiden in welche Schule gehört. Bis es sich zeigt, dass Fabian weder reden noch hören kann. Er gebärdet nur, dieses aber quicklebendig. Sie, die 11-jährige Corina von der 6. Klasse des Gymnasiums, ist von deutlich ruhigerer natur. Aber sie kann sich die Nähe des Jungen gut gefallen lassen. Sie findet die Kinder vom Haus Palas „cool“ und „voll lieb“. „Mich interessiert“, so Corina, „wie diese Kinder wirklich sind. Und deshalb lerne ich auch ihre Sprache. Eigentlich sind sie gar nicht so viel anders wie wir.“
Aber es gibt auch Probleme. Behinderte Kinder sind im Ausdruck ihrer Gefühle sehr direkt und wenig konventionsgeübt. Sie werden auf dem mit den Regelschülern gemeinsamen Pausenhof noch manches lernen müssen. Aber sie sind mächtig stolz darauf, auch „normale Schüler“ geworden zu sein.

Rainer Kössl

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