Titelbild

14.02.2011

Türkische Delegation besucht Heimsonderschule Haslachmühle


Hinten von links: Claudia Madei-Hötzel (Diakonisches Institut), Fachschuldirektor Bernd Eisenhardt (Heimsonderschule Haslachmühle), Sven Lange (Fachlicher Geschäftsführer Behindertenhilfe) begrüßten die türkischen Gäste mit Kaffee und echten schwäbischen Brezeln. Foto: apm

Im Oktober vergangenen Jahres machten zehn Absolventen der Gotthilf- Vöhringer Schule in Wilhelmsdorf, die sich zum 1.1.2011 mit dem Diakonischen Institut zusammengeschlossen hat, eine Studienreise nach Istanbul. Zum Programm gehörte das Kennenlernen des Sozialwesens in der Türkei inklusive des Besuchs einer Förderschule für Jugendliche mit Behinderung. Neben vielen neuen Eindrücken gab es auch neue Kontakte, die jetzt zu einer Begegnung in verschiedenen Einrichtungen der Zieglerschen im Raum Wilhelmsdorf führten. Bereits im November war die Anfrage von mehreren Lehrern gekommen, ob ein Besuch in Deutschland möglich wäre. „Da waren wir natürlich sehr überrascht, dass das so schnell ging“, sagt Sonderpädagogin Claudia Madei-Hötzel. Und dieser Tage rückte nun eine Delegation vom Bosporus in Oberschwaben an. Im Gepäck: viele offene Fragen und die Hoffnung, etwas für die eigene Arbeit mitnehmen zu können. Schon bei der Begrüßung durch Sven Lange, Fachlicher Geschäftsführer der Behindertenhilfe der Zieglerschen, war die Offenheit und Neugierde zu spüren, mit der die Gäste in das zweitägige Besuchsprogramm einstiegen. Bereits der Rundgang durch die Heimsonderschule Haslachmühle machte die Unterschiede deutlich: Während es in Deutschland ausgebildete Sonderpädagogen für unterschiedliche Behinderungsarten gibt, gibt es in der Türkei nur vereinzelt Förderschulen und die Lehrer verfügen in der Regel über keine sonderpädagogische Zusatzausbildung. Auch sonderpädagogische Beratungsstellen sind in der Regel Mangelware. Eltern ersuchen meist nicht von sich aus um eine Beratung, sondern viele Menschen schämen sich immer noch, einen Angehörigen mit Behinderung zu haben. Menschen mit Behinderungen gehören zwar zum Alltag, genießen aber nur selten besondere Aufmerksamkeit oder Förderung. Die Ausbildung von Heilerziehungspflegern und Arbeitserziehern, wie sie in Wilhelmsdorf stattfindet, nötigte den türkischen Lehrern großen Respekt ab. Absolut beeindruckt waren die Besucher von der Tatsache, dass es in Deutschland ein breites Betreuung- und Förderangebot für Menschen mit Behinderung gibt – und das praktisch von der Geburt bis ins hohe Alter. In der Türkei gibt es keine Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Dort arbeiten Betroffene in ganz normalen Betrieben. „Das hängt aber auch damit zusammen, dass die türkische Wirtschaft immer noch vom Handwerk geprägt ist“, erklärte Dolmetscher Muhrat. Traditionell gebe es ein großes Angebot an Arbeitsplätzen im niederschwelligen Bereich, wo auch gering- oder nicht qualifizierte Menschen eine Beschäftigung finden können. Diese reiche oft aber nicht aus, um einen auch nur geringen Lebensstandard zu gewährleisten. Da sei dann wieder die Familie gefragt. Angebote wie das Paarwohnen seien in der Türkei von der Tradition her überhaupt nicht denkbar. Den größten Eindruck hinterließ wohl die Tatsache, dass in Deutschland in der Behindertenhilfe alles sehr koordiniert abläuft. Der Anspruch, das Beste aus den Menschen mit Behinderung zu machen – und auch für sie – ist eine Denk – und Handlungsweise, die für die Pädagogen aus der Türkei doch recht befremdlich war. Das Fazit des Besuchs war aber eindeutig: „Wir haben eine ganze Menge völlig neue Dinge gesehen. Ganz sicher werden wir in der Zukunft viel zu besprechen haben“, stellten die Teilnehmer zum Abschied fest. Und auch die deutschen Partner haben davon profitiert – nicht zuletzt auch von dem humorvollen Miteinander. Für Claudia Madei-Hötzel ist der Fall klar: „Der Besuch hat unheimlich Spaß gemacht und wir haben ganz bestimmt auch gegenseitig von einander gelernt“.

apm

Zurück