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02.04.2011

„Die Verantwortung ist schwer …“

Die Zieglerschen gedenken ihrer Euthanasieopfer


18 leere Stühle mit Kerzen und den Namen der Euthanasieopfer standen als Symbol und Mahnmal bei der Gedenkveranstaltung der Zieglerschen und der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf. "Die Verantwortung ist schwer..."- das ist der Titel eines neuen Buches über die Euthanasiemorde in Wilhelmsdorf, das Inga Bing-von Häfen den interessierten Besuchern vorstellte. (Foto: Katharina Stohr)

Mit 18 leeren Sitzplätzen gedachten die Zieglerschen und die Brüdergemeinde Wilhelmsdorf am 24. März 2011 um 17 Uhr im Bürgersaal ihrer Euthanasieopfer. Genau 70 Jahre zuvor stiegen 19 Menschen mit Behinderung aus der damaligen Taubstummenanstalt und heutigen Behindertenhilfe in den seinerzeit typisch grauen Bus. Die Fahrt endete im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weinsberg, den Pfleglingen war laut Hitlers geheimem Erlass vom September 1939 der »Gnadentod« zugewiesen. Nur einer kehrte zurück. Über einen längeren Zeitraum hinweg hat die Historikerin Inga Bing-von Häfen zur Euthanasie in Wilhelmsdorf geforscht und im Rahmen der Gedenkfeier ihre Ergebnisse sowie das dabei neu entstandene Buch präsentiert. „Ich freue mich sehr darüber, dass es gelungen ist, im Buch viele neue Informationen zu den Schicksalen der in den Jahren 1941 und 1943 verlegten Wilhelmsdorfer Pfleglinge zusammen zu tragen“, sagt Inga Bing-von Häfen. Sie wünsche sich darüber hinaus, dass das Werk damit einen dauerhaften Beitrag zum ehrenden Gedenken an alle Wilhelmsdorfer Opfer leiste. „Die Verantwortung ist schwer ...“, lautet der Titel des Buches, in welchem auch ausführlich auf die Vorgänge in Wilhelmsdorf, die Leidtragenden und den damaligen Hausvater der Taubstummenanstalt, Heinrich Hermann, eingegangen wird. Aus christlicher Überzeugung heraus versuchte Hermann, mutigen Widerstand gegen die nationalsozialistischen Euthanasie-Maßnahmen zu leisten, konnte seine Schützlinge jedoch nicht vor ihrem Schicksal bewahren. Weitere 40 Pfleglinge wurden im Jahr 1943 abgeholt und „fielen in die Kategorie 'unwertes Leben', das aus ideologischem Blickwinkel betrachtet als nicht schützenswert galt“, wie Inga Bing-von Häfen in der Schlussbetrachtung ihres Werks vermerkt. Die Historikerin folgte mit ihren Forschungen dem Auftrag der Zieglerschen, die sich „bewusst der Vergangenheit stellen, um Lehren daraus zu ziehen für unser heutiges Denken und Handeln“, sagte Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen. Sven Lange, Fachlicher Geschäftsführer der Behindertenhilfe der Zieglerschen, wies auf den Sinn der Veranstaltung hin: „Es geht um das Erinnern und das Bewusst-Machen, wie es geschehen konnte und warum es nicht verhindert werden konnte.“ "Wir bekennen das Versagen und die Schuld und wir bitten Gott um Vergebung", erklärte Pfarrer Dr. Karl Knauß von der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf, der auch die Namen der einzelnen Opfer verlas. Untermalt wurde die Gedenkfeier durch eine Ausstellung mit Zeichnungen von Ernst Weiß, jenem 19. Schützling, der auf wundersame Weise überlebte und wieder nach Wilhelmsdorf zurück kehrte. Das Rotach-Chörle der Behindertenhilfe und der Musiker Reinhard Börner standen zudem erstmals gemeinsam auf der Bühne und begleiteten die Feier.

Info: Die Bücher "Die Verantwortung ist schwer..." können kostenlos bei den Zieglerschen bezogen werden. Ansprechpartnerin ist Stefanie Heier (Telefon: 07503-929-259, E-Mail: Heier.Stefanie@Zieglersche.de).

Katharina Stohr

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