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08.11.2011 - Wilhelmsdorf

„Miteinander Kirche sein“

Begegnungstag bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen


Beim Begegnungstag für Menschen mit und ohne Behinderung bauen Menschen tanzend mit dem Fallschirm am Haus Gottes. (Foto: Katharina Stohr)

Renate streckt drei Finger ihrer rechten Hand in die Höhe und gluckst vor Freude zu ihren Freunden hinüber. Sie hat es geschafft: Zusammen mit Bernd hat sie drei Kartons mit selbst gemalten Bildern beklebt. Zu sehen sind Kirchen, orange Blumen und rosa Luftballons. Das ist das Haus Gottes- so, wie die junge Frau es sieht. Renate ist hör-sprach- und zusätzlich geistig behindert.

Zum dritten Mal fand der jährlich stattfindende Begegnungstag für Menschen mit und ohne Behinderung statt. Zum ersten Mal sind dazu rund 100 Teilnehmer aus der Ev. Landeskirche Württemberg nach Ravensburg gereist. Unter dem Motto „Miteinander Kirche sein“, wollten sie sich anregen lassen und Ideen finden, wie sie gemeinsam am Haus Gottes bauen können. Denn laut Johannes 6,37 soll niemand von der Gemeinschaft mit Jesus Christus ausgeschlossen sein. „Das Wichtigste an diesem Tag ist die Begegnung und das Kennenlernen, so dass Menschen mit und ohne Behinderung die gegenseitige Faszination entdecken“, sagt Christof Lothammer, Sozialdiakon der Zieglerschen Behindertenhilfe und Mitorganisator des Tages. Dabei kommt es ihm nicht in erster Linie auf christliche Absichten an. „Was zählt, ist die Mitmenschlichkeit – und die ist überall dort gegeben, wo sich Menschen offen begegnen“. Für ihn sei Glaube oft stark in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebbar und erfahrbar.

Im Untergeschoss des Ev. Gemeindehauses wollen etwa 25 Menschen mit und ohne Rollstuhl zusammen tanzen. Viele davon können sich nur über Gebärdensprache verständigen. „Ich kann nur wenige Gebärden“, sagt die Leiterin in die Runde - „wer kann mir beim Übersetzen helfen?“ Schnell ist Hilfe gefunden, und los geht’s: Rollator, Rollstuhl, Tanzbeine – auf Trommelmusik wird geschwungen und bewegt, was geht. Zwei Stunden später steht der Gruppentanz mit Fallschirm, der anschließend im Gottesdienst in der Ev. Stadtkirche aufgeführt wird. Auch drei weitere Workshops sollen die Teilnehmer noch näher zusammen bringen und gegenseitiges Verständnis wecken. Pfarrer Martin Henzler-Hermann von der Ev. Stadtkirchengemeinde Ravensburg sitzt mit zwölf anderen Teilnehmern im ersten Stock und lässt sich die Gebärden für das Vater Unser und für Gottesdienste erklären. Berührungsängste zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sind auch in diesem Raum nicht festzustellen. „Sich auf einen Menschen mit Behinderung einzulassen, kann die eigene Persönlichkeit im positiven Sinne kolossal verändern“, sagt Christof Lotthammer. Behinderte Menschen würden ihm oft authentisch und vorurteilsfrei begegnen. „Sie können dadurch Werte vermitteln, die in unserer Leistungsgesellschaft verloren gegangen sind.“

Bernd Schatz, Referent des Diakonischen Werks Württemberg, malt und klebt unterdessen immer noch mit Renate und seiner Gruppe in der Ev. Stadtkirche. „Ich glaube, es braucht ganz viel Begegnung im Alltag, nicht nur besondere Kirchentage“, sagt er im Hinblick darauf, wie Menschen mit und ohne Behinderung am besten gemeinsam am Haus Gottes bauen können. Und eines findet er auch: „Man muss beim Kennenlernen sehr behutsam und achtsam miteinander umgehen.“

Katharina Stohr

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