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08.12.2009

Ein Mann mit Herz geht in Altersteilzeit

Verabschiedung von Pfarrer Gerhard Amend aus der Behindertenhilfe


Pfarrer Gerhard Amend bei seinem liebsten Hobby: beim Lesen von Kriminalromanen (Foto: apm)

In jungen Jahren war er als Leichtathlet recht erfolgreich bei Mittelstreckenwettbewerben - bei den Zieglerschen in Wilhelmsdorf wurde er zum beruflichen Langstreckenläufer. Und durchaus auch zu einem „Schwergewicht“, wenn es um die Seelsorge bei Menschen mit Behinderungen geht oder bei deren Begleitung auf ihrem letzten Lebensweg. Pfarrer Gerhard Amend wurde am 29. November in der Haslachmühle offiziell aus diesem Dienstauftrag entlassen. Er ging zum 1. Dezember in Altersteilzeit und wird sich bis zum Erreichen der Altersgrenze seiner Aufgabe als Leiter der Abendrealschule an der Gotthilf-Vöhringer-Schule widmen. Doch es ist keine Frage: Die Behindertenhilfe hat sein Leben geprägt. Und das auch deshalb, weil sie für ihn untrennbar vom diakonischen Auftrag ist.

Der 61-Jährige stammt eigentlich aus dem Fränkischen. In Wilhelmsdorf hat er eine Heimat gefunden, die er nicht mehr missen möchte. „31 Jahre bei den Zieglerschen sind eine lange Zeit“, sagt der Pfarrer, der neben Theologie auch Pädagogik und Sozialpädagogik studiert hat- und eigentlich nur nach Oberschwaben gekommen ist, weil er ein „Dickkopf“ ist. Während seines Studiums in Neuendettetlsau hatte er enge Berührungen zur Diakonie bekommen und sie lieben gelernt. Das gilt auch für seine Frau Ute. Die unterrichtete in einem Nachbargebäude Hauswirtschaft und Handarbeit. Und ihr Vater war der Leiter des Gymnasiums in Wilhelmsdorf. Das hieß damals noch „Knabeninstitut“ und war nur zum Teil staatlich. Die Oberstufe war kirchlich. Amend wollte gerne nach Wilhelmsdorf kommen und dort Religion, Deutsch und Sport unterrichten. Doch für einen Pfarrer ist es gar nicht so einfach, wenn er in eine andere Landeskirche wechseln will. „Das geht nur, wenn die abgebende Kirche einverstanden ist“, erklärt der Theologe und fügt schmunzelnd hinzu: „In meinem Fall waren die dagegen.“ Also verzichtete er kurzerhand auf seinen Beamtenstatus und ging als Angestellter zu den Zieglerschen.

Zusammen mit seiner Frau leitete er längere Zeit ein Haus im Internatsbereich und auch einige Jahre das Gesamtinstitut. Als das Gymnasium dann in die Trägerschaft der Gemeinde überging, stellte sich für Amend die Frage, was er nun weiterhin machen sollte. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Zieglerschen, Hans-Peter Züfle, gab ihm die Freiheit der Entscheidung. Und Gerhard Amend entschied sich für eine zweigleisige berufliche Zukunft. An der Gotthilf-Vöhringer-Schule begann er Psychologie, Pädagogik und Ethik zu unterrichten. In der Behindertenhilfe engagierte er sich in der Seelsorge. „Das war für mich ein ganz neues Gebiet als Pfarrer“, erinnert er sich. Und wenn er an die vielen Gottesdienste und die Begegnungen mit behinderten Menschen im Rotach-Heim und in der Haslachmühle denkt, dann fangen seine Augen an zu leuchten und er kommt nahezu ins Schwärmen. „Menschen mit Behinderung sind so offen“, sagt er. Sie können noch Emotionen zeigen. „Da werden Freude und Trauer, Liebe und Freundschaft so lebendig, dass man es förmlich spüren kann.“ Das sind Erfahrungen, die der Pfarrer auch anderen Menschen wünscht. Und deshalb ist es ihm auch wichtig, sie in die Gemeinden zu tragen und mit Konfirmanden zu arbeiten. Gerne spricht er von „Inklusion“. Gemeint ist damit nicht das Anpassen, sondern das Dabeisein. Die Teilhabe behinderter Menschen am öffentlichen Leben ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und auch, dass man Gottesdienste deren Bedürfnissen und Fähigkeiten angepasst gestaltet. Er hat dafür extra eine spezielle Gebärdensprache gelernt und er bringt für diese Aufgabe etwas mit, das man nur mit dem Gefühl und nicht mit der Ratio erspüren kann: Ganz viel Liebe und Herz.

„Ganz weg werde ich aber nicht sein“, sagt er. Er wird immer wieder auftauchen. Nur den offiziellen Dienst gibt er auf. Die Abendrealschule wird er weiterhin leiten. Dort können junge Menschen, die bei den Zieglerschen ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) ableisten, einen mittleren Bildungsabschluss nachholen. Im vergangenen Jahr hat man 20 Absolventen zur Schulfremdenprüfung angemeldet. „Und alle haben bestanden“, sagt der Pfarrer nicht ohne Stolz.

Wenn er so zurückblickt auf Jahrzehnte, wo es kaum einen Unterschied zwischen Leben und Arbeiten gab, dann ist Amend aber durchaus auch selbstkritisch. „Die Familie hat manchmal darunter gelitten“, sagt er und meint damit die beiden Töchter, die oft zurückstecken mussten, weil die Eltern zu wenig Zeit für sie hatten. Zeit zu haben, das war immer ein schwieriges Unterfangen. Trotzdem engagierte sich Amend viele Jahre in der Mitarbeitervertretung und war auch einige Zeit Vorsitzender der Gesamtmitarbeitervertretung der Zieglerschen. Auch wenn Pfarrer Gerhard Amend jetzt in Altersteilzeit geht, ist er immer noch mit dem Herzen „voll dabei“. Vielleicht hat er jetzt auch etwas mehr Zeit für sein liebstes Hobby: Das Lesen. Und was ist sein bevorzugter Stoff? „Kriminalromane“, lacht er und holt sich einen ganz komplizierten Fall aus dem Bücherregal.  

apm

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