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21.10.2010

Abenteuerfreizeit als Ausbruch aus dem alltäglichen Leben

"Sehen bei ganz vielen Leuten Fortschritte- auch was das Selbstbewusstsein betrifft"


Dank der großzügigen Unterstützung durch Roots e.V. in Eisenharz und die Johannes-Ziegler-Stiftung gab es auch in diesem Jahr wieder eine Abenteuerfreizeit- ein besonderes Erlebnis für das ganze Team. Foto: Max Gwinn

Die Erlebnispädagogik hat in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen Einzug gehalten. Diese besondere Form der Erziehung kann eigentlich überall stattfinden und ist nahezu für jeden Menschen geeignet. Sie stellt eine Herausforderung an das Denken, Fühlen und Handeln dar – und ist auch für Menschen mit Behinderung längst zu einem Bereich geworden, der einen Ausbruch aus dem alltäglichen Leben möglich macht, aber auch gerade dadurch helfen kann, dieses auch anders zu gestalten oder zu erleben. Doch ohne Hilfestellung ist so etwas nicht möglich. Max Gwinn, Martin Hensler, Rainer Egle und andere Mitarbeiter/innen von den Zieglerschen gehören zu dem Personenkreis der Erlebnispädagogen, die sich viele Gedanken über die Arbeit mit Schwerbehinderten machen und auch in der täglichen Praxis versuchen, immer wieder neue Wege zu gehen. Dazu gehören auch besondere Maßnahmen, wie die jährlich stattfindende Abenteuerfreizeit, die nicht nur ein enormes Maß an Vorbereitung erfordert, sondern auch zu ganz praktischen Ergebnissen führt. Dieses Jahr war man in Sonthofen und Umgebung. „Wir sehen bei ganz vielen Leuten Fortschritte- auch was das Selbstbewusstsein betrifft“, sagen Gwinn und Egle. Klar ist aber auch: Abenteuerfreizeiten sind mit dem normalen Budget von Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe nicht finanzierbar. Wer klettern will, sich mit Booten durch ein Wildwasser kämpft, wer Neoprenanzüge, Schutzhelme oder spezielle Sicherheitsseile braucht, der ist auf Hilfe von außen angewiesen. Roots e.V. in Eisenharz und die Johannes-Ziegler-Stiftung bieten eine solche Unterstützung – und das schon seit vielen Jahren. Rund zehn Erzieher gingen mit gehörlosen oder geistig behinderten Menschen auf Abenteuertour. Es sind Schüler des IFSB in Ravensburg und Mitarbeiter der Zieglerschen, die im Vorfeld intensiv geschult wurden. Denn es ist schon ein Unterschied, ob man sich mit Nichtbehinderten im Wildwasser auf einen Felsen zutreiben lässt, oder ob man es mit Menschen tut, die eine Situation nicht selbst so einschätzen können, wie es vielleicht notwendig wäre. „Unsere Sicherheitsstandards sind sehr hoch“, sagt Max Gwinn. Schwimmwesten, Helme und spezielle Schuhe sind Standard. Und Standard ist es auch, dass man versucht, bislang verborgene Fähigkeiten oder Ängste, Befürchtungen und den Drang nach Neuem gemeinsam zu erfahren. Das Risiko wird so gering wie irgend möglich gehalten. Der Effekt ist nahezu unbezahlbar. Und dass es dabei ungeahnte Lerneffekte gibt, das ist etwas, was für manchen Außenstehenden die größte Überraschung sein dürfte. So ist Marc (32), gehörlos und geistig behindert, mittlerweile perfekt im Abseilen. Und wenn man ihn fragt, was er von so einer Abenteuerfreizeit hält, dann streckt er den linken Daumen in die Höhe, grinst über das ganze Gesicht und sagt nur ein Wort, aber das ganz langsam: „Suuuper!“ Auch Christian (35) will im nächsten Jahr wieder mit dabei sein. Für ihn ist das Bootfahren in wilden Gewässern ein Erlebnis von dem er das ganze Jahr zehren kann. Immer wenn er das Erlebte innerlich so richtig verarbeitet hat, dann setzt er sich hin mit einem Blatt Papier und einem Kugelschreiber und schreibt Tagebuch. Die Schrift ist sehr klein, aber wer sich die Mühe des Lesens macht, der bekommt den Ablauf unvergesslicher Tage so minutiös geschildert, wie man es kaum für möglich halten würde. Tagesablauf, Speiseplan, Aktivitäten – da fehlt nichts. Auch Klaus (46) will im kommenden Jahr wieder dabei sein. Für ihn war das Abseilen von einem Felsen die erste Erfahrung dieser Art. „Ein bisschen Angst hatte ich schon“, berichtet er. Und obwohl er ein guter Schwimmer ist, wurde es ihm im Wildwasser schon etwas mulmig. Zwar hatte er seine Taucherbrille zu Hause vergessen, aber den Neoprenanzug den fand er prima – und auch das leckere Frühstück! Für Max Gwinn und Rainer Egle steht fest, dass solche Erlebnistage für Menschen mit Behinderung nicht nur ein Höhepunkt im Jahresablauf sein können, sondern auch die Erkenntnis bringen, dass man mehr kann, als man sich selbst zutraut. „Auch die Betreuer, Mitarbeiter und Zuschauer am Wegrand sind oft erstaunt, zu welchen Leistungen unsere Leute fähig sein können“, sagen die beiden. Und wenn weiterhin Unterstützung von außen kommt, dann können sie sich schon bald an die Planung für das Jahr 2011 machen.

apm

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