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02.03.2011

Podiumsdiskussion vor der Landtagswahl in "leichter Sprache"


Mehrsprachige Podiumsdiskussion zur Landtagswahl im vollbesetzten Wilhelmsdorfer Bürgersaal. Zahlreiche gehörlose Besucher der Veranstaltungen wandten sich in ihrer Sprache, der Deutschen Gebärdensprache, an die Landtagskandidaten. Eine Dolmetscherin übersetzte. Foto: Jürgen Schmale, Die Zieglerschen

Nein, eine gewöhnliche Podiumsdiskussion vor der Landtagswahl mit den Kandidaten des eigenen Wahlkreises war das nicht. Gewöhnlich können andere. In Wilhelmsdorf konnte keiner der Kandidaten die üblichen Phrasen dreschen, der immergleiche Schlagabtausch auf dem Podium zwischen links und rechts, grün und rot und schwarz hatte keine Chance. Die Zieglerschen hatten gemeinsam mit der Landeszentrale für Politische Bildung und den Gemeinden Wilhelmsdorf und Horgenzell in den Wilhelmsdorfer Bürgersaal zu einer Podiumsdiskussion „in leichter Sprache" eingeladen. Und der Bürgersaal war übervoll.
Gut 200 politisch Interessierte mit und ohne Behinderung wollten der einen Kandidatin und den vier Kandidaten auf den Zahn fühlen. Das taten Sie nicht nur in „leichter Sprache"; sondern gleich in vielen Sprachen. Christian Roth von der Landeszentrale, der moderierte, sprach von einer „landesweit einmaligen Veranstaltung".

Schon vor fünf Jahren hatten die Zieglerschen die Idee zu einer solchen Podiumsdiskussion gehabt. Damals war vor allem daran gedacht, Menschen mit geistiger Behinderung anzusprechen und sie dazu einzuladen, ihr Wahlrecht wahrzunehmen. Auch damals schon waren die Kandidatinnen und Kandidaten gebeten worden, in „leichter Sprache" ihre politischen Positionen vorzubringen. Fünf Jahre später änderte sich das Konzept an einer entscheidenden Stelle. Die „leichte Sprache" blieb, aber eingeladen waren unterschiedslos alle, ob mit oder ohne Behinderung. Keine ausgrenzende Veranstaltung also sollte es sein, kein exklusiver Zirkel, sondern eine „inklusive". Die „Inklusion", das große bundesweit diskutierte sozialpolitische Thema, spielte zwar in den Fragen und Antworten auch eine Rolle. Aber die Teilnehmer praktizierten vor allem Inklusion, statt nur darüber zu reden.

Das funktionierte so: da stellte ein Stuttgart-21-Gegner, der sich tief in die Details eingelesen hatte, eine Frage an CDU-Zweitkandidat August Schuler. Ein Junge aus dem Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf fragte, ob Karl-Theodor zu Guttenberg wohl noch zu Wahlveranstaltungen in die Region komme. Dann ging es in DGS weiter, in der Deutschen Gebärdensprache. Gebärdendolmetscherin Anne Krethlow, die den ganzen Abend Schwerstarbeit verrichtete, übersetzte eine Frage einer gehörlosen Studierenden der Gotthilf-Vöhringer-Schule ins Deutsche, bremste die Politiker, wenn sie zu schnell redeten (denn sie musste ja auch in die andere Richtung, also vom Deutschen in die Gebärdensprache) übersetzen. Überhaupt nahmen die Gehörlosen intensiv an der Debatte teil und stellten Fragen sowohl zu allgemeinen landespolitischen Themen und Aufregern, als auch zu ihrer spezifischen Situation. Auch die Wilhelmsdorfer Schüler waren in großer Zahl erschienen und zweifelten zum Beispiel das dreigliedrige Schulsystem an. Viele Mitarbeiter der diakonischen Einrichtungen waren gekommen, aber auch Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde, die „ihre" Kandidaten einmal aus der Nähe erleben wollten.

Einfach war die Situation für Christel Ulmer (SPD), Gotthilf Lorch (Die Linke), Manne Lucha (Grüne) August Schuler (CDU) und Benjamin Strasser (FDP) gewiss nicht. Für Manne Lucha sprang nach der Hälfte der Veranstaltung der Wilhelmsdorfer Gemeinderat Peter Andresen ein. „Wie erklärt man in „leichter Sprache", warum der Bau von Stuttgart 21 keinesfalls die Elektrifizierung der Südbahn verhindert?" Mit dieser Frage etwa hatte sich der 24jährige Kandidat der FDP im Vorfeld intensiv beschäftigt. Er habe versucht, an diesem Abend so einfach und verständlich wie möglich zu reden, erklärte Benjamin Strasser nach der Veranstaltung, aber das sei ja nicht ganz unkritisch. Wer zu schlicht rede, signalisiere damit doch dem Gesprächspartner, dass er ihn nicht für voll nehme. Und das wolle er auf jeden Fall vermeiden. Aber Strasser wie auch alle anderen schlugen sich tapfer. Alle bekamen warmen und langen Applaus dafür, dass sie sich dieser ungewöhnlichen Situation gestellt hatten.

Auch Bürgermeister-Stellvertreterin Josefine Haberkorn war beeindruckt von der Veranstaltung und von dem großen Interesse im Ort an landespolitischen Themen. Uwe Fischer, der für die Zieglerschen die Veranstaltung federführend vorbereitet hatte, sah sein Konzept bestätigt: Menschen mit und ohne Behinderung hatten gleichermaßen intensiv an der Diskussion teilgenommen, hatten sich eingemischt und Politik zu ihrer Sache gemacht.

Christof Schrade

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