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01.03.2011 - Wilhelmsdorf

Hoher Besuch auf dem Ringgenhof


Grüner Besuch auf dem Ringgenhof: Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bild-Mitte), ihre Fraktionskollegin Agnieszka Malzcak und Landtagskandidat Manne Lucha kamen mit Patienten und Therapeuten der Klinik sowie mit Verantwortlichen der Zieglerschen ins Gespräch
Foto: Christof Schrade

Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat heute dem Ringgenhof, der Suchtfachklinik für Männer in Wilhelmsdorf, einen Kurzbesuch abgestattet. Drei der 132 Patienten der Klinik in Trägerschaft der Zieglerschen stellten sich dem Gespräch mit der hochrangigen Politikerin und erzählten von ihrem Weg in die Sucht und vom Versuch, davon nach Jahren und Jahrzehnten wieder loszukommen.

Göring-Eckardt, begleitet von der Ravensburger Grünen Bundestagsabgeordneten Agnieszka Malczak und vom Grünen Landtagskandidaten Manne Lucha, zeigte sich von der Offenheit der Männer sichtlich beeindruckt. Rolf Baumann, Kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen, der das Politiker-Patienten-Gespräch in der Kirche am Weg auf dem Gelände der Fachklinik moderierte, fragte die Experten, also in diesem Fall die Patienten, welche Empfehlungen sie der Politik mitgeben könnten. Sehr klar äußerten sich die Männer zur immer wieder diskutierten Freigabe sogenannter weicher Drogen, insbesondere Cannabis. Das dürfe auf keinen Fall geschehen, waren sich die „Ex-User", wie sie sich selbst nannten, einig. Cannabis sei eindeutig die Einstiegsdroge für härtere Sachen. Ein Patient betonte, die Diskussion um die Legalisierung bestimmter Drogen führe vom eigentlichen Problem weg: Denn, so seine eigene Erfahrung und die vieler anderer Abhängiger: „Wenn ein Süchtiger an Drogen kommen will, gleichgültig ob an legale oder illegale, dann kommt er auch dran". Das Problem sei vielmehr: Viele Menschen kämen, vor allem in ihrer Jugend, mit Drogen in Kontakt und probierten dies und jenes. Aber diejenigen aus einem „intakten sozialen und familiären Umfeld" seien viel weniger gefährdet, abhängig zu werden.

Rolf Baumann und mehrere Vertreter der Klinik-Leitung benannten gegenüber den Politikern deutlich die aktuellen Probleme der stationären Suchtrehabilitation: der Kostendruck steige permanent, unter anderem durch Tariferhöhungen fürs Personal. Diese bildeten sich aber nicht ausreichend in der Refinanzierung ab. Die Therapiedauer werde ständig weiter verkürzt, dabei hätten die Patienten, die überhaupt noch einen Platz in einer Klinik bekommen, immer längere Suchtkarrieren und oft Begleiterkrankungen. Thomas Greitzke, Therapeutischer Leiter der Klinik, stimmte zu: „Die Anforderungen steigen ständig, aber es sagt einem keiner, wie man das bezahlen soll." Wirtschaftlich, so Baumann, sei die Suchtrehabilitation mit Abstand der schwierigste Arbeitsbereich der Zieglerschen.

Katrin Göring-Eckardt, nicht nur als Grünen-Politikerin bundesweit bekannt, nimmt auch als Präses (Vorsitzende) der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und als Präsidentin des Evangelischen Kirchentags in Dresden vom 1. - 5. Juni in der Kirche eine herausragende Stellung ein. Als prominente Kirchenfrau riet sie den Zieglerschen und der Diakonie insgesamt, ihr christliches Profil zu schärfen, ihre Herkunft nicht zu verschweigen: „Scheuen Sie sich nicht, über Ihren Glauben zu reden". Dennoch solle die Diakonie offen sein für Menschen, die dem Christentum und dem Glauben eher fragend-distanziert gegenüberstehen.

Kaufmännischer Vorstand Rolf Baumann sprach auch die aktuelle Inklusionsdebatte an und damit die Frage der Zukunft der Sonderschulen im Land. Landtagskandidat Manne Lucha wehrte sich ganz entschieden gegen die „Unterstellung, wir Grünen wollten die Sonderschulen abschaffen". Das sei überhaupt nicht Programm der Grünen. Vielmehr gehe es darum, die Sonderschulpflicht abzuschaffen und den Eltern und ihren Kindern die Freiheit zu ermöglichen, die Schule zu wählen, die sie für die richtige hielten. Im Übrigen lobte Lucha ausdrücklich die Bemühungen der Schulen der Zieglerschen, gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung in der Sonderschule und in der Regelschule jetzt schon umzusetzen. Lucha: „Die Schritte, die Sie jetzt schon ganz konkret tun, sind beispielhaft".

Christof Schrade

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