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08.08.2011

Eberhard Sohn - Ein Interview


Eberhard Sohn - Foto: Jürgen Schmale

Wohl kaum jemand in der langen Geschichte der Zieglerschen hat über so viele Jahre Verantwortung im Ehrenamt übernommen wie er. Eberhard Sohn aus Friedrichshafen wurde am 12. Juni 1971, als 34jähriger, in die Mitgliederversammlung berufen. Sein Ehrenamt, längst war er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, gab er am 27. November 2010, also neununddreißigeinhalb Jahre später wieder ab. Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, zeichnete Eberhard Sohn anlässlich dessen Verabschiedung mit dem höchsten Ehrenzeichen der Diakonie aus, dem Kronenkreuz. Christof Schrade sprach mit dem Diplom-Ingenieur im Ruhestand.

Herr Sohn, als Sie 1971 in ihrer ersten Mitgliederversammlung saßen, präsentierte der damalige Wirtschaftsleiter ein Investitionsprogramm in Höhe von 100 Millionen D-Mark. Es muss ein dramatischer Appell an die Mitglieder gewesen sein, so jedenfalls liest sich das Protokoll. Jetzt waren hohe finanzielle Risiken einzugehen, sonst würden die Zieglerschen ihre Zukunftsfähigkeit verlieren. Waren Sie auf solche Herausforderungen gefasst?

Trotz guter Vorbereitung auf meine erste Mitgliederversammlung bei den Zieglerschen Anstalten war ich zuerst davon überrascht, wie viele unterschiedliche Einrichtungen ihre Vorschläge und die dafür nötigen Mittel anmeldeten. Die Höhe des Investitionsbedarfs für einen „e.V." hat mich dann schon auch überrascht. Ich denke, es war damals für alle Beteiligten ein „Aha-Erlebnis". Von meiner beruflichen Tätigkeit war ich gewohnt, dass solche Bedarfsplanungen dann zuerst in eine kurz-, mittel- und langfristige Finanzierungs- und Realisierungsplanung umgesetzt werden müssen, bevor eine Ausführung freigegeben wird. Die Herausforderung bestand nun darin, den jeweiligen Bedarf mittel- und langfristig abzusichern und eine hierfür notwendige Finanzierung sicher zu stellen.


Wie war es in den frühen siebziger Jahren, des vergangenen Jahrhunderts, wenn man nach Wilhelmsdorf kam? Wie war die Atmosphäre, wie waren die Menschen? Und was hat sich seither verändert?

Dorf und Anstalten waren eine Einheit. Die Zieglerschen waren die Anstalten Wilhelmsdorfs. Es war noch vor der Gemeindereform, das Ortsbild hat sich seither stark verändert. Die Anfangszeit damals war ja geprägt durch eine bewegte sozialpolitische Entwicklung. Die Bedarfe für die unterschiedlichsten Hilfen und Therapien oder Bildungsmaßnahmen drängten sich geradezu auf. Die einzelnen Einrichtungen der „ZA" lagen in und um Wilhelmsdorf herum. Die Leitung oblag jeweils sehr markanten Persönlichkeiten, die auch weit über die Region hinaus als anerkannte Fachleute galten - so richtige Pioniere der Diakonie! Fast alle Einrichtungen waren Bestandteil des Dorfes. Das neue Sprachheilzentrum in Ravensburg war damals relativ weit weg. Was hat sich seither verändert? Die Gesellschaft veränderte sich vehement in unserem Land. Die Sozialpolitik und ihre Gesetzgebung wurden dramatisch komplex und bürokratisch. Die „Hausvaterdiakonie" musste zum „Sozialunternehmen" weiter entwickelt werden. Aus den „Zieglerschen Anstalten" wurden die „Zieglerschen".


Was waren in den vergangenen vier Jahrzehnten, die Sie überblicken, die wichtigsten Zukunftsentscheidungen für die Zieglerschen?

Die Entwicklung der Zieglerschen zum modernen Sozialunternehmen erforderte eine neue Unternehmensstruktur und -kultur. Mit einem hauptamtlichen Vorstand und hauptamtlichen Geschäftsführungen auf der einen Seite und den ehrenamtlichen Gremien Aufsichtsrat und Mitgliederversammlung auf der anderen Seite ist es uns gelungen, eine zeitgemäße Struktur zu schaffen. Wichtig war dabei auch, dass nicht nur das organisatorische Regelwerk stimmt, sondern auch das neue Leitbild der Zieglerschen entwickelt wurde und gelebt werden kann. Aus vielen wichtigen Entscheidungen möchte ich dann noch zum Beispiel an die Erweiterungen und Neuausrichtungen der Jugendhilfe und der Altenhilfe erinnern und an den neuen „Höchsten", die mit 14 Millionen Euro größte Investition in ein einzelnes Gebäude in der Geschichte der Zieglerschen.


Gab es in der Vergangenheit eine Entscheidung in den Zieglerschen, die sie als Mitglied, Verwaltungsrat oder Aufsichtsrat nur schweren Herzens mittragen konnten?

Entscheidungen, in denen das Ende einer bewährten Einrichtung beschlossen werden muss, fallen immer schwer. Ich denke dabei zum Beispiel an das Ende des KI (Knabeninstitut). Diese Entscheidung fiel schwer, obwohl sie vernünftig war.

Sie haben so viele Sitzungen bei den Zieglerschen erlebt und so viele Menschen kommen und gehen sehen: welchen Rat geben Sie denjenigen, die heute Verantwortung im Ehrenamt haben?

Zum Abschied will ich keinen Rat geben sondern einen Wunsch äußern! In den Sitzungen erlebte ich sehr kompetente Persönlichkeiten, die den Stil der letzten Jahre prägten. Für mich war dabei wichtig, dass ich mich immer umfassend und offen informiert fühlte. Wir haben sehr sachorientiert und Ziel führend diskutiert, wobei alle Verständnis hatten für die unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen im Gremium. Sehr wichtig für eine gelingende Gremienarbeit sind auch menschliche Offenheit und Fairness, die Fähigkeit zum guten Kompromiss und das Akzeptieren und Mittragen der getroffenen Entscheidungen. Als bereichernd habe ich es erlebt, dass wir Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Berufen waren. Meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter waren Persönlichkeiten, die als Christen im Alltag und in ihrer Kirchengemeinde leben und Diakonie als handelnde Kirche, als Kirche zum Anfassen verstehen.
Ich wünsche den Zieglerschen, dass Persönlichkeiten, die diesen Stil schätzen und prägen, auch künftig für haupt- und ehrenamtliche Aufgaben gewonnen werden können.

Christof Schrade

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